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Zur Sprichwortmanipulation in Adolf Hitlers 'Mein Kampf'

Wolfgang Mieder

"... als ob ich Herr der Lage würde"
Zur Sprichwortmanipulation in Adolf Hitlers Mein Kampf

Für Ruth Klüger

Die zahlreichen wissenschaftlichen Studien zum Sprachgebrauch im nationalsozialistischen Deutschland sind heute schon kaum noch zu überblicken,
[1] wobei neuerdings wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden ist, daß es sich bei solchen Untersuchungen nicht ausschließlich um die Sprache des Nationalsozialismus sondern auch um die Sprache im Nationalsozialismus handeln sollte.
[2]
Zwei frühe Zeitdokumente lassen die Notwendigkeit dieser Umorientierung klar erkennen. Da ist einmal das satirische Werk Die dritte Walpurgisnacht (1933) von Karl Kraus, worin der aufsteigende Nationalsozialismus an Hand seiner Schlagwörter, Phrasen und Redensarten bloßgestellt wird. Allerdings hatte diese "politische Phrasenvernebelung" laut Kraus von vornherein Einfluß auf die gesamte deutsche Bevölkerung, die in der Mehrzahl gar nicht gewahr wurde, "welche Wirklichkeit hinter Redensarten haust".
[3] In Abwandlung des Sprichwortes "Die Sonne bringt es an den Tag" heißt es bei Kraus "Die Sprache bringt es an den Tag",
[4]
und eben diese prägnante Formulierung hat auch der Romanist und Holocaust-Überleber Victor Klemperer in seinem autobiographisch-wissenschaftlichen Buch L[ingua] T[ertii] I[mperii]: Notizbuch eines Philologen (1947) mehrmals verwendet,
[5]
um damit auf die gedankenlose oder auch unmoralische Sprachverwendung im Dritten Reich hinzuweisen. Es sei aber auch noch auf den mutigen Aufsatz mit dem biblisch-sprichwörtlichen Titel "An ihrer Sprache sollt Ihr sie erkennen: Die Gleichschaltung der deutschen Sprache" (1938) hingewiesen, worin Hans Jacob von der immer weiter um sich greifenden "Vergewaltigung des Sprachgeistes" in Deutschland gesprochen hat,
[6] als man Hitler und seine propagandistischen Reden unkritisch umjubelte. Hitler hat das ursprüngliche Bibelsprichwort "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (Matth. 7:16) in einer höhnischen Rede gegen die Sozialdemokraten am 23. März 1933 eingesetzt, und zwar mit dem satirischen Zusatz "Die Früchte zeugen gegen Sie!"
[7]
Noch ahnte der sich so gern als Prophet sehende Hitler freilich nicht, wie die Früchte seiner Worte und Taten gegen ihn und seine Mitstreiter zeugen würden.

Selbstverständlich hatten die Nationalsozialisten ihr bestimmtes Vokabular, das ihr Programm zusammen mit dem propagandistisch ausgerichteten Stil untermauerte. Eingehende Studien von Cornelia Berning, Werner Betz, Siegfried Bork, Rolf Glunk, Heinz Paechter, Wolfgang Sauer, Eugen Seidel und Ingeborg Seidel-Slotty u.a. haben das detailliert dargestellt,
[8] doch darf man darüber nicht vergessen, daß die Nationalsozialisten zusätzlich auch erheblichen Gebrauch der Volkssprache in all ihren Aspekten gemacht haben. So forderte Joseph Goebbels ganz bewußt auf dem "Parteitag der Treue" (1934) nach der Röhmaffäre die Verwendung der volkstümlichen Sprache: "Wir müssen die Sprache sprechen, die das Volk versteht. Wer zum Volke reden will, muß, wie Luther sagt, dem Volke aufs Maul sehen".
[9]
Ganz ähnlich hatte sich jedoch Adolf Hitler bereits 1925/26 in Mein Kampf geäußert: "Die Rede eines Staatsmannes zu seinem Volk habe ich nicht zu messen nach dem Eindruck, den sie bei einem Universitätsprofessor hinterläßt, sondern an der Wirkung, die sie auf das Volk ausübt" (534).
[10]
Was speziell für den "Volksredner" gefordert wird, das gilt laut Hitler auch ganz allgemein für die alles beherrschende "Propaganda" der nationalsozialistischen Bewegung, denn "Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll" (197).
[11]
Kein Wunder also, daß sich in Hitlers "Kampfbuch", im offiziellen Presseorgan des Völkischen Beobachters sowie in allen anderen Schriften und Flugblättern und vor allem in den Reden auf den Massenkundgebungen Elemente der Volkssprache auffinden lassen. So ist auch Hitlers Mein Kampf keineswegs nur ein autobiographisches Buch über individuelle Lebenserfahrungen seines Autors, sondern vielmehr in großen Teilen "die typische Lebenserfahrung und die gängigen ideologischen Klischees ... gesellschaftlicher Kollektiverfahrung".
[12]
Die Sprachklischees gehen von stereotypischen Vorurteilen bis hin zur jargonhaften Vulgärsprache mit ihren Schlag- und Schimpfworten,
[13] die in ihren antimarxistischen und antisemitischen Tiraden ihre grotesk-aggressiven Höhepunkte erreichen. Der Sprach- und Kulturhistoriker George Steiner schrieb diesbezüglich in einem wichtigen Beitrag über die Schuld der deutschen Sprache an den Schreckenstaten der Nazis folgendes: "Hitler spürte in der deutschen Sprache eine andere Musik als die von Goethe, Heine oder Mann auf; eine rauhe, krächzende Kadenz, halb nebuloses Kauderwelsch, halb Gossenjargon. Und das deutsche Volk, anstatt sich ungläubig und angeekelt abzuwenden, gab dem Gebrüll des Mannes einen massiven Widerhall".
[14]


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Wen wird es bei einer solchen "Körperkultur" noch überraschen, daß Hitler eine besondere Vorliebe für das klassische Sprichwort "Mens sana in corpere sano" hatte, das im Kampfbuch gleich dreimal in seiner deutschen Fassung "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" auftritt. Wie die folgenden Belege jedoch verdeutlichen, wurde auch dieses Sprichwort von Hitler auf perverse Art und Weise in den Dienst seiner rassistischen Pläne gestellt, was freilich mit dem antiken Gesundheitsideal nichts mehr zu tun hat. Schon im ersten Teil von Mein Kampf heißt es programmatisch:

Vor allem muß in der bisherigen Erziehung ein Ausgleich zwischen geistigem Unterricht und körperlicher Ertüchtigung eintreten. Was heute Gymnasium heißt, ist ein Hohn auf das griechische Vorbild. Man hat bei unserer Erziehung vollkommen vergessen, daß auf die Dauer ein gesunder Geist auch nur in einem gesunden Körper zu wohnen vermag. Besonders wenn man, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, die große Masse eines Volkes ins Auge faßt, erhält dieser Satz unbedingte Gültigkeit (276-277).

Knapp zweihundert Seiten später kommt Hitler erneut auf diese sprichwörtliche Weisheit zurück, doch wird das Sprichwort hier noch eindeutiger manipuliert. Es handelt sich nicht mehr um einen Ausgleich von Geist und Körper, sondern jetzt wird die "körperliche Ertüchtigung" bzw. "körperliche Gesundheit" voll und ganz dem Geist oder Intellekt vorgezogen. Das griechische Vorbild geht verloren, denn hier handelt es sich um Rassenpolitik und Macht:

Und so wie im allgemeinen die Voraussetzung geistiger Leistungsfähigkeit in der rassischen Qualität des gegebenen Menschenmaterials liegt, so muß auch im einzelnen die Erziehung zuallererst die körperliche Gesundheit ins Auge fassen und fördern; denn in der Masse genommen wird sich ein gesunder, kraftvoller Geist auch nur in einem gesunden und kraftvollen Körper finden. Die Tatsache, daß Genies manches Mal körperlich wenig gutgebildete, ja sogar kranke Wesen sind, hat nichts dagegen zu sagen. Hier handelt es sich um Ausnahmen, die - wie überall - die Regel nur bestätigen (451-452).

Interessant, wie hier das Genie sprichwörtlich zur Regel bestätigenden Ausnahme erklärt wird. So wird gleich mit der Überzeugungskraft und Autorität zweier Sprichwörter argumentiert, eine rhetorische Methodik, die Hitler in dieser Sektion über die "Erziehungsgrundlage des völkischen Staates" (451-457) eine Seite später nochmals verwendet. Hier wird ein seit 1871 sprichwörtlich gewordenes Zitat General Helmuth Moltkes zum Schluß dieses Aufrufs zur "körperlichen Ertüchtigung" mit dem paraphrasierten klassischen Sprichwort verbunden, um auf die Vorzüge eines gesunden Körpers gegenüber der Geistesausbildung hinzuweisen:

Wenn der Moltkesche Ausspruch: "Glück hat auf die Dauer doch nur der Tüchtige" Geltung besitzt, so sicherlich für das Verhältnis von Körper und Geist: Auch der Geist wird, wenn er gesund ist, in der Regel und auf die Dauer nur in gesundem Körper wohnen (453).

Dieser Antiintellektualismus Hitlers zeigt sich in Mein Kampf auch in seiner krassen Ablehnung gewählter Volksvertreter, wobei gleichzeitig seine auch an vielen anderen Stellen in diesem Buch hervortretende Mißachtung der Menschen schlechthin (auch der deutschen Bürger) spürbar wird:

Man wird hoffentlich nicht meinen, daß aus den Stimmzetteln einer alles eher als geistreichen Wählerschaft die Staatsmänner gleich zu Hunderten herauswachsen. Überhaupt kann man dem Unsinn gar nicht scharf genug entgegentreten, daß aus allgemeinen Wahlen Genies geboren würden. Zum ersten gibt es in einer Nation nur alle heiligen Zeiten einmal einen wirklichen Staatsmann und nicht gleich an die hundert und mehr auf einmal; und zum zweiten ist die Abneigung der Masse gegen jedes überragende Genie eine geradezu instinktive. Eher geht auch ein Kamel durch ein Nadelöhr, ehe ein großer Mann durch eine Wahl "entdeckt" wird (96).

Welch bloßstellende Ironie macht sich hier bemerkbar! Somit wäre Hitler laut eigener Definition also absolut kein Genie, wofür er sich doch immer so gern gehalten hat. Als er später gewählt wurde, da hatte diese Entscheidung nichts mit seinem Genie sondern mit Massenmanipulation und Massenhysterie zu tun. Hitlers Anspielung aber auf das biblische Sprichwort "Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme" (Matth. 19:24) hat sich in seinem Falle als richtige Prophezeiung erwiesen: seine "Wahl" hat in der Tat keinen großen Mann entdeckt, und statt im Reich Gottes ist er in der Hölle des Teufels gelandet. Das grotesk prophetische Element in Mein Kampf macht sich auch an Hitlers Verwendung des Bibelsprichwortes "Was der Mensch säet, das wird er ernten" (Galat. 6:7) bemerkbar, wenn man an das zerstörte Deutschland im Jahre 1945 denkt:

Auch dieses ist ein Zeichen unserer sinkenden Kultur und unseres allgemeinen Zusammenbruches. [...] Da aber darf man sich auch nicht wundern, wenn unter einer solchen Gottheit [lies jetzt Hitler] wenig Sinn für Heroismus übrigbleibt. Die heutige Gegenwart erntet nur, was die letzte Vergangenheit gesät hat (292).

Wenn Hitler hier und da die Beteuerungsformel "Gott sei Lob und Dank" (vgl. S. 446, 537, 538, 554) in seinen Schreibfluß einstreut, so erscheint selbst diese Phrase heute als Blasphemie, und die Bezeichnung der Nationalsozialisten in ihrem Anfangsstadium als "arme Teufel" (vgl. S. 388, 390) wirkt auf eine andere Weise grotesk, wenn man an die wirklich teuflischen Mörder unter ihnen denkt. Der biblische Widerspruch von Gott und Teufel spielt auch in Mein Kampf eine Rolle, und sprichwörtliche Redensarten sowie Sprichwörter aus der Bibel[48] verleihen diesem Buch mit seinen pseudoreligiösen Passagen einen makabren Charakter.

Die bereits angedeutete Mißachtung aller seiner Mitmenschen ist auf vielen Seiten dieses aufschlußreichen Buches zu spüren. Niemand scheint ungeschoren wegzukommen, und durch passende Redensarten vermag Hitler mehr indirekt als direkt vielleicht seine überall lauernden Gegner auf oft sarkastische Weise zu charakterisieren. So spricht er zum Beispiel von der "dummen Schafsgeduld" (51) bzw. von "der großen stupiden Hammelherde unseres schafsgeduldigen Volkes" (685). Solche Assoziierung der Menschen mit Tieren kennt keine Grenzen, wie folgende Beispiele nur zu deutlich zeigen:

Die parlamentarischen Ratten verlassen das Parteischiff (113).

Daß dies mit Religion gar nichts zu tun hat, weiß so ein listiger Fuchs ganz genau (125).

Indem der eiserne Kanzler das Schicksal seines Marxistenkrieges dem Wohlwollen der bürgerlichen Demokratie überantwortete, machte er den Bock zum Gärtner (189-190).

Mit dem Erfolge, daß der Herr Vorredner, noch ehe ich [Hitler] fertig war, wie ein begossener Pudel das Lokal verließ (238).

Sie [die Niederlage im Ersten Weltkrieg] ist nur die größte äußere Verfallserscheinung unter einer ganzen Reihe von inneren, die vielleicht in ihrer Sichtbarkeit den Augen der meisten Menschen verborgen geblieben waren, oder die man nach der Vogel-Strauß-Manier nicht sehen wollte (250).[49]

Pflegte doch die größte sogenannte bürgerliche Versammlung vor einem Dutzend Kommunisten auseinanderzulaufen und auszureißen wie die Hasen vor dem Hunde (392).

Ich habe sie [die Spießbürger] damals nirgends gesehen, alle die großen völkischen Apostel von heute. Vielleicht sprachen sie in Kränzchen, an Teetischen oder in Zirkeln Gleichgesinnter, aber da, wo sie hätten sein müssen, unter den Wölfen, dorthin wagten sie sich nicht; außer es fand sich eine Gelegenheit, mit ihnen heulen zu können (519).

Wenn Hitler nicht Tierbilder zum Vergleich in Anspruch nimmt, dann stellt er seine Mitmenschen durch Redensarten wie "Hans Dampf in allen Gassen" dar, wobei diese oft geschickt modifiziert werden, um die Argumentation durch solche sprachlichen Innovationen zu verstärken:

Es ist nichts gefährlicher für eine politische Partei, als wenn sie sich in ihren Entschließungen von jenen Hansdampfgesellen in allen Gassen leiten läßt, die alles wollen, ohne auch nur das Geringste je wirklich erreichen zu können (128).

Ich habe schon damals immer eine instinktive Abneigung gegenüber Menschen besessen, die alles beginnen, ohne auch nur etwas durchzuführen. Diese Hansdampfe in allen Gassen waren mir verhaßt. Ich hielt die Tätigkeit dieser Leute für schlechter als Nichtstun (242).

Ganz besonders gefährlich ist Hitlers Anwendung der Redensart "aus demselben Holz geschnitzt sein" auf seine pervertierte Interpretation der natürlichen Auslesetheorie Darwins auf die Menschen:

Anders [als bei der Natur] ist es, wenn der Mensch eine Beschränkung seiner Zahl vorzunehmen sich anschickt. Er ist nicht aus dem Holze der Natur geschnitzt, sondern "human". Er versteht es besser als diese grausame Königin aller Weisheit. Er beschränkt nicht die Forterhaltung des einzelnen als vielmehr die Fortpflanzung selber. Dieses erscheint ihm, der ja immer nur sich selbst und nie die Rasse sieht, menschlicher und gerechtfertigter zu sein als der umgekehrte Weg (144).

Hier greift Hitler gar das Humane selbst an, was anscheinend seinem Plan der perfekten arischen Rasse im Wege stehen könnte. Das führte später zu dem grausamen Programm der Euthanasie, die an unschuldigen Opfern ausgeübt wurde. Hitler wollte nur gesunde und starke Arier in seinem deutschen Volk, und jede Art der menschlichen Schwäche wurde aufs Ärgste an den Pranger gestellt. Diese Einstellung bezog sich auch auf das Erziehungswesen der Jugend, wie es in Mein Kampf deutlich zum Ausdruck kommt:

Noch weniger Wert wurde [...] auf die Erziehung des Willens und der Entschlußkraft [gelegt]. Ihre Ergebnisse waren wirklich nicht die starken Menschen, sondern vielmehr die gefügigen "Vielwisser", als die wir Deutsche vor dem Kriege ja allgemein galten und demgemäß eingeschätzt wurden. Man liebte den Deutschen, da er sehr gut zu verwenden war, allein man achtete ihn wenig, gerade infolge seiner willensmäßigen Schwäche. Nicht umsonst verlor gerade er am leichtesten unter fast allen Völkern Nationalität und Vaterland. Das schöne Sprichwort "Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land" besagt alles (258).

Hitler will mit der Verwendung dieses Sprichwortes die angebliche Unterwürfigkeit der Deutschen bloßstellen. Dabei ist von Interesse, daß der Kulturkritiker Herbert Jhering in einem kritischen Aufsatz über "Die kleinen Redensarten" aus dem Jahre 1932 dasselbe Sprichwort einsetzt, um eben diese unterwürfigen Deutschen gegen Hitler zu aktivieren: "'Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land': Man läßt sich treten, man läßt sich hinauswerfen, aber man bleibt demütig mit dem Hute in der Hand. Es gibt kein Sprichwort, das so sehr zum Nachgeben auffordert, wie dieses".[50] Hier macht sich die unterschiedliche Funktion ein und desselben Sprichwortes deutlich bemerkbar, die es zu einem effektiven Argumentations- und Manipulationsmittel für die entgegengesetztesten Zwecke macht.

Hitler hat dieses Sprichwort noch einmal in seinem erst 1961 im Druck erschienenen aber auch heute noch wenig bekannten sogenannten Zweiten Buch zitiert. Das Manuskript dieser Programmschrift stammt von 1928, wurde aber von Hitler nicht zum Druck gegeben - vieles darin ist nur Wiederholung und vor allem Ausbau seiner außenpolitischen Gedanken und Pläne aus seinem ersten Kampfbuch. Das besagte Sprichwort steht zusammen mit drei weiteren Sprichwörtern in einer Sektion (vgl. S. 136-139), worin Hitler das politische Desinteresse und das fehlende Engagement der deutschen Bevölkerung anprangert:

Ja, es gibt allerdings nicht wenige Menschen heute, die überhaupt glauben, daß man nichts tun dürfe. Sie fassen ihre Meinung dahin zusammen, daß Deutschland heute klug und zurückhaltend sein müsse, daß es sich nirgends engagieren dürfe, daß man die Entwicklung der Ereignisse wohl im Auge behalten müsse, allein selbst nicht daran teilzunehmen habe, um eines Tages dann die Rolle jenes lachenden Dritten zu übernehmen, der den Erfolg einheimst, während zwei andere streiten.

Ja, ja, so klug und weise sind unsere heutigen bürgerlichen Staatskünstler. Ein politisches Urteil, das von keinerlei Kenntnis der Geschichte getrübt wird. Es gibt nicht wenige Sprichwörter, die für unser Volk zu einem wirklichen Fluch geworden sind. Z.B. "Der Gescheitere gibt nach" oder "Kleider machen Leute" oder "Mit dem Hute in der Hand kommt man durchs ganze Land" oder "Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte".[51]

 

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Der Steuermann oder Führer also im leitmotivischen und sprichwörtlichen Kampf "auf Leben und Tod". Genau so sieht sich Hitler in Mein Kampf, und so stellt er sich bis zu seinem Ende immer wieder selbst dar. Daß er dadurch Millionen Menschen tatsächlich den Tod bringen würde, hat er sich 1925/26 wohl noch nicht (oder doch schon?) träumen lassen. Zur Zeit der Niederschrift von Mein Kampf erklärt Hitler mit fanatischer Zuversicht, daß seine nationalsozialistische Bewegung den Sieg im deutschen Staat davontragen wird. Mit rund 500 Sprichwörtern und Redensarten auf 782 Seiten, was die hohe Frequenz von etwa einer sprichwörtlichen Wendung je anderthalb Seiten ergibt, hat Hitler sein Programm in diesem Kampfbuch metaphorisch und volkssprachlich untermauert und sich als sprachgewandter aber auch gefährlicher Rhetoriker erwiesen. In seinem Fanatismus war es ihm klar, daß sein Kampf ihn zum unumstrittenen Führer in Deutschland machen würde. Es wurde eingehends schon erwähnt, daß Adolf Hitler eine deutliche Vorliebe für die Redensart "Herr der Lage sein" hatte, und so möge seine eigene Aussage betreffs einer frühen Versammlungsrede im Jahre 1921 abschließen, da sie sein komplexes Wesen sowie sein krankhaftes Kämpfen um die Position des "Führers" in aller Kürze und noch im unerfüllten redensartlichen Konjunktiv aufzeigt: "Nach ungefähr eineinhalb Stunden - solange konnte ich, trotz aller Zwischenrufe sprechen - war es fast so, als ob ich Herr der Lage würde" (565). Oh wäre er dieser Herr nie geworden, der, und auch dieser letzte Satz kann heute als prophetische Aussage gelesen werden, "das liebe Volk wie der Rattenfänger von Hameln[79] hinter sich herziehend in das Verderben" (164) führte.

 

Endnotes

  1. Vgl. Michael Kinne, "Zum Sprachgebrauch der deutschen Faschisten: Ein bibliographischer Überblick," Diskussion Deutsch, 14 (1983), 518-521.
  1. Vgl. dazu Utz Maas, "Sprache im Nationalsozialismus," Diskussion Deutsch, 14 (1983), 499-517; ders., Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand: Sprache im Nationalsozialismus. Versuch einer historischen Argumentationsanalyse (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1984); und Carola Sachse, Tilla Siegel, Hasso Spode und Wolfgang Spohn, Angst, Belohnung, Zucht und Ordnung. Herrschaftsmechanismen im Nationalsozialismus (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1982).

  2. Vgl. Karl Kraus, Die dritte Walpurgisnacht, hrsg. von Heinrich Fischer (München: Kösel, 1952), S. 208 und S. 211. Zu weiteren Aussagen über die Verwendung von Redensarten während des Nationalsozialismus vgl. Wolfgang Mieder, "Karl Kraus und der sprichwörtliche Aphorismus," Muttersprache, 89 (1979), 97-115; auch abgedruckt in W. Mieder, Deutsche Sprichwörter in Literatur, Politik, Presse und Werbung (Hamburg: Helmut Buske, 1983), S. 113-131. Von Interesse ist ebenfalls Andrea Hoffend, "Bevor die Nazis die Sprache beim Wort nahmen: Wurzeln und Entsprechungen nationalsozialistischen Sprachgebrauchs," Muttersprache, 97 (1987), 257-299.

  3. Ebenda, S. 241.

  4. Zu der sprichwörtlichen Aussage "Die Sprache bringt es an den Tag" vgl. Victor Klemperer, LTI: Notizbuch eines Philologen (Köln: Röderberg, 1987), S. 16 und S. 166-167.

  5. Hans Jacob, "An ihrer Sprache sollt Ihr sie erkennen: Die Gleichschaltung der deutschen Sprache," Das Wort, 1 (1938), 81-86. Das abgewandelte Bibelsprichwort tritt in dem kurzen Aufsatz leitmotivisch auf, und es erscheint am Ende mit einem imperativen Ausrufezeichen als Aufruf an die deutsche Bevölkerung, sich endlich kritisch mit der Sprache und den Plänen der Nationalsozialisten auseinanderzusetzen.

  6. Alle Zitate aus Reden Hitlers werden zitiert aus dem Standardwerk von Max Domarus, Hitler: Reden und Proklamationen 1932-1945, 2 Bde. (Neustadt a. d. Aisch: Schmidt, 1962-1963), Bd. 1, S. 244.

  7. Vgl. Cornelia Berning, Vom Abstammungsnachweis zum Zuchtwort: Vokabular des Nationalsozialismus (Berlin: Walter de Gruyter, 1964); Werner Betz, "The National-Socialist Vocabulary," in The Third Reich, hrsg. von Maurice Baumont, John Fried und Edmond Vermeil (New York: Frederick Praeger, 1955), S. 784-796; Siegfried Bork, Mißbrauch der Sprache: Tendenzen nationalsozialistischer Sprachregelung (München: Francke, 1970); Rolf Glunk, "Erfolg und Mißerfolg der nationalsozialistischen Sprachlenkung," Zeitschrift für deutsche Sprache, 22 (1966), 57-73 und 146-153; 23 (1967), 83-113 und 178-188; 24 (1968), 72-91 und 184-191; 26 (1970), 84-97 und 176-183; und 27 (1971), 113-123 und 177-187; Heinz Paechter, Nazi-Deutsch: A Glossary of Contemporary German (New York: Frederick Ungar, 1944); Wolfgang Sauer, Der Sprachgebrauch von Nationalsozialisten vor 1933 (Hamburg: Helmut Buske, 1978); und Eugen Seidel und Ingeborg Seidel-Slotty, Sprachwandel im Dritten Reich (Halle: Verlag Sprache und Literatur, 1961).

  8. Zitiert aus Cornelia Berning, "Die Sprache der Nationalsozialisten," Zeitschrift für deutsche Wortforschung, 18 (1962), 109. Bernings umfangreicher Beitrag, der mehr bringt als ihr in Anm. 8 verzeichnetes Wörterbuch, befindet sich in den folgenden Bänden dieser Zeitschrift: 16 (1960), 71-149 und 178-188; 17 (1961), 83-121 und 171-182; 18 (1962), 108-118 und 160-172; 19 (1963), 92-112. Klemperer (wie Anm. 5), S. 246 zitiert diese Aussage Goebbels ebenfalls.

  9. Sämtliche Zahlen in Klammern beziehen sich auf folgende Ausgabe: Adolf Hitler, Mein Kampf, 127.-128. Aufl. (München: Eher, 1934). Ich danke Helmut Walther (Gesellschaft für deutsche Sprache) dafür, daß er mir dieses Buch vor einigen Jahren mit viel Mühe antiquarisch besorgen konnte.

  10. Vgl. auch noch folgende respektlose Aussage Hitlers: "Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig solange zu verwerten, bis auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag" (198). Vgl. ebenfalls Walther Dieckmann, "Zum Wörterbuch des Unmenschen: Propaganda," Zeitschrift für deutsche Sprache, 21 (1965), 105-114.

  11. Vgl. Lutz Winckler, Studie zur gesellschaftlichen Funktion faschistischer Sprache (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970), S. 90.

  12. Vgl. hierzu vor allem die aufschlußreiche Studie von Sigrid Frind, Die Sprache als Propagandainstrument in der Publizistik des Dritten Reiches, untersucht an Hitlers "Mein Kampf" und den Kriegsjahrgängen des "Völkischen Beobachter" (Diss. Freie Universität Berlin, 1964), bes. S. 41-45 und S. 137-141.

  13. Der Aufsatz wurde 1959 geschrieben und erschien zuerst in englischer Sprache in Amerika als "The Hollow Miracle" in der Wochenschrift The Reporter; jetzt auch abgedruckt in George Steiner, Language and Silence: Essays on Language, Literature and the Inhuman (New York: Atheneum, 1967), S. 95-109. In deutscher Sprache erschienen als "Das hohle Wunder" in G. Steiner, Sprache und Schweigen: Essays über Sprache, Literatur und das Unmenschliche (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1969), S. 129-146. Ein Auszug daraus auch in Michael Kinne (Hrsg.), Nationalsozialismus und deutsche Sprache (Frankfurt am Main: Moritz Diesterweg, 1981), S. 26-27.

  14. Zur Metaphorik der Nazisprache vgl. Konrad Ehelich (Hrsg.), Sprache im Faschismus (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989), S. 154-157; Detlev Grieswelle, Propaganda der Friedlosigkeit. Eine Studie zu Hitlers Rhetorik 1920-1933 (Stuttgart: Ferdinand Enke, 1972), S. 156-159; Seidel und Seidel-Slotty (wie Anm. 8), S. 9-11; und Margareta Wedleff, "Zum Stil in Hitlers Maireden," Muttersprache, 80 (1970), 107-127 (bes. 116-117).

  15. Vgl. Bork (wie Anm. 8), S. 91-95; Walther Dieckmann, Sprache in der Politik (Heidelberg: Carl Winter, 1969), S. 108; Frind (wie Anm. 13), S. 70-73; Sigrid Frind, "Die Sprache als Propagandainstrument des Nationalsozialismus," Muttersprache, 76 (1966), 129-135 (bes. S. 132); Jürgen Henningsen, Bildsamkeit, Sprache und Nationalsozialismus (Essen: Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft, 1963), S. 14-16; und Gerhard Voigt, "Bericht vom Ende der 'Sprache des Nationalsozialismus'," Diskussion Deutsch, 19 (1974), 445-464 (bes. S. 447).

  16. Vgl. Grieswelle (wie Anm. 15), S. 149.

  17. Vgl. Georg Büchmann, Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes, hrsg. von Gunther Haupt und Werner Rust. 28. Aufl. (Berlin: Haude & Spener, 1937), S. 641-650. Die parallellaufende aber stark gekürzte "Volksausgabe" von Gunther Haupt behält diese Seiten bei; vgl. Geflügelte Worte, hrsg. von Gunther Haupt (Berlin: Haude & Spener, 1937), S. 407-415. Die "Volksausgabe" von 1941 ist identisch. Die bedeutend kürzere Ausgabe Büchmann Geflügelte Worte, hrsg. von Valerian Tornius (Leipzig: Philipp Reclam, o.J. [1936?]) enthält auf den letzten drei Seiten (S. 261-263) ebenfalls eine Anzahl dieser Zitate.

  18. Zu diesem von den Nazis verwendeten und mißbrauchten Sprichwort vgl. Theodor Heuß, Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus (Stuttgart: Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1932), S. 84-85; Bertolt Brecht, "Über den Satz 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz'," in Bertolt Brecht, Gesammelte Werke in 20 Bänden, hrsg. von Elisabeth Hauptmann (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1967), Bd. 20, S. 230-233 (geschrieben zwischen 1933 und 1939); Ernst Bloch, "Die Fabel des Menenius Agrippa oder eine der ältesten Soziallügen", in E. Bloch, Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz (Frankfurt am Mein: Suhrkamp, 1970), S. 172-176 (geschrieben 1936); und Frind (wie Anm. 13), S. 71.

  19. Briefliche Mitteilung von Hans Manfred Militz (Jena) vom 14. Februar 1985.

  20. Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend (Göttingen: Wallstein, 1992), S. 119. Für fünf exemplarische Rezensionen dieses gewichtigen Buches vgl. Paul Michael Lützeler, "Dichten nach Auschwitz: Lebensbericht von Ruth Klüger," Neue Zürcher Zeitung, Nr. 229 (2. Oktober 1992), S. 27; Hans Joachim Kreutzer, "Die Auschwitznummer nicht verdecken: Ruth Klügers Erinnerungen - eine Einladung zum Streiten," Süddeutsche Zeitung, N. 264 (14. November 1992), S. IV; Sigrid Löffler, "Davongekommen: Jetzt noch über Auschwitz schreiben?" Die Zeit (amerikanische Ausgabe), Nr. 32 (13. August 1993), S. 23; Egon Schwarz, "Ruth Klüger: weiter leben," German Quarterly, 66 (1993), 286-288; und Ursula Mahlendorf, "Ruth Klüger: weiter leben," World Literature Today, 67 (1993), 607-608.

  21. Vgl. Friedrich Wolf, Gedichte, Erzählungen 1911-1936, hrsg. von Else Wolf und Walther Pollatschek (Berlin: Aufbau-Verlag, 1963), S. 85-86.

  22. Vgl. Wolfgang Mieder, "Sprichwörter unterm Hakenkreuz," Muttersprache, 93 (1983), 1-30; auch abgedruckt in W. Mieder (wie Anm. 3), S. 181-210.

  23. Vgl. Kraus (wie Anm. 3), S. 123.

  24. Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 1828-1829.

  25. Vgl. Frind (wie Anm. 13), S. 23.

  26. Bork (wie Anm. 8), S. 92.

  27. Ebenda, S. 50-51.

  28. Vgl. Kirsten Gomard, "Zum Sprachgebrauch im Dritten Reich," Augias, Nr. 2 (1981), 27-45 (bes. S. 33-34).

  29. Vgl. hierzu die Ausführungen von Klemperer (wie Anm. 5), S. 28-29.

  30. Kenneth Burke, Die Rhetorik in Hitlers "Mein Kampf" und andere Essays zur Strategie der Überredung (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1967), S. 31. Es ist hier von Interesse, daß Burke gerade mit diesem Aufsatz seine amerikanischen Leser vor Hitler und den Nationalsozialisten warnen wollte und sie zum Lesen von Mein Kampf aufforderte: "Eine eingehendere Beschäftigung mit diesem Buch sollte auch die Augen dafür öffnen, welcher Art die 'Medizin' ist, die dieser Schamane [Hitler] gebraut hat, und wovor wir auf der Hut zu sein haben, die wir verhindern wollen, daß derlei Medizin eines Tages auch in unserem Lande gebraut wird". Amerikanische Intellektuelle zusammen mit deutschen Emigranten sorgten dann auch dafür, daß nach einer gekürzten Übersetzung von 1933 im Jahre 1939 eine vollständige englische Übersetzung erscheinen konnte, die über Hitler und Nazi-Deutschland Aufschluß gab. Das Buch wurde in viele andere Sprachen übersetzt, ins Englische sogar mehrmals. Vgl. hierzu C. Caspar, "Mein Kampf - A Best Seller," Jewish Social Studies, 20 (1958), 3-16; Werner Maser, Hitlers "Mein Kampf". Entstehung, Aufbau, Stil und Änderungen, Quellen, Quellenwert, kommentierte Auszüge (München: Bechtle, 1966), S. 30-35; Karl Lange, Hitlers unbeachtete Maximen. "Mein Kampf" und die Öffentlichkeit (Stuttgart: Kohlhammer, 1968), S. 109-111, S. 126-127 und S. 167-170; und James J. Barnes und Patience P. Barnes, Hitler's "Mein Kampf" in Britain and America: A Publishing History 1930-39 (Cambridge: Cambridge University Press, 1980).

  31. Vgl. Lange (wie Anm. 31), S. 30-31.

  32. Vgl. Maser (wie Anm. 31), S. 26-29.

  33. Vgl. auch Cornelius Schnauber, Wie Hitler sprach und schrieb. Zur Psychologie und Prosodik der faschistischen Rhetorik (Frankfurt: Athenäum, 1972).

  34. Auch in seinen Reden (so am 27. Januar 1932, am 10. Februar 1933 und am 6. Oktober 1939) hat Hitler gerade diese Redensart mit Bezug auf seine Rassenideologie verwendet; vgl. dazu Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 86 und 205; Bd. 2, S. 1389. Vgl. auch die weitere Verwendung dieser Formel in Mein Kampf: "[...] in einer Zeit [vor dem Ersten Weltkrieg], da das Reich sich wohl für Kolonien interessierte, aber nicht für das eigene Fleisch und Blut vor seinen Türen" (9).

  35. Der von Hitler oft verwendete Sperrdruck zur Hervorhebung eines Wortes, Satzes oder Abschnittes wird hier durch Kursivschrift wiedergegeben.

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  36. Vgl. hierzu Joseph Wulf, Presse und Funk im Dritten Reich. Eine Dokumentation (Gütersloh: Sigbert Mohn, 1964).

  37. Vgl. auch die antisemitische Verwendung dieser Redensart in der Rede vom 24. Februar 1943, worin Hitler von der "Ausrottung des Judentums in Europa" spricht und behauptet, daß dem "ganzen deutschen Volk [...] das Wesen des Judentums mit einem Schlage" vermittelt worden ist; zitiert aus Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 1992.

  38. Zitiert aus Ulrich Ulonska, Suggestion der Glaubwürdigkeit. Untersuchungen zu Hitlers rhetorischer Selbstdarstellung zwischen 1920 und 1933 (Ammersbek bei Hamburg: Verlag an der Lottbek, 1990), S. 87. Vgl. auch H. Epping, Die NS-Rhetorik als politisches Führungsmittel (Diss. Münster, 1954).

  39. Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 2161.

  40. Ebenda, Bd. 2 , S. 2163.

  41. Ebenda, Bd. 2, S. 2185. Vgl. auch Wolfgang Mieder, "'Sein oder Nichtsein' - und kein Ende: Zum Weiterleben des Hamlet Zitats in unserer Zeit," in W. Mieder, Sprichwort, Redensart, Zitat: Tradierte Formelsprache in der Moderne (Bern: Peter Lang, 1985), S. 125-130.

  42. Hitler benutzt die Redensart "auf der Hand liegen" recht oft, um damit eine angebliche Selbstverständlichkeit auszudrücken. Vgl. in Mein Kampf auch S. 342, 451, 471, 626.

  43. Zu Luthers Sprichwörtergebrauch vgl. u.a. J.A. Heuseler, Luthers Sprichwörter aus seinen Schriften gesammelt (Leipzig: Johann Barth, 1824; Nachdruck Walluf: Sändig, 1973); James C. Cornette, Proverbs and Proverbial Expressions in the German Works of Luther (Diss. University of North Carolina, 1942); Dietz-Rüdiger Moser, "'Die wellt wil meister klueglin bleiben ...': Martin Luther und das deutsche Sprichwort," Muttersprache, 90 (1980), 151-166; und Berthold Weckmann, "Sprichwort und Redensart in der Lutherbibel," Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 221 (1984), 19-42.

  44. Vgl. in Mein Kampf S. 170, 269, 284, 559, 565, 567.

  45. Vgl. Büchmann (wie Anm. 18), S. 649.

  46. Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 533. Vgl. zu der "Sportsprache" im Nationalsozialismus auch Berning (wie Anm. 9), 18 (1962), 108-111; und Bork (wie Anm. 8), S. 16-17.

  47. Für weitere Beispiele aus der Bibel vgl. "das tägliche Brot" (S. 17, 168), "im Schweiße seines Angesichts" (S. 83), "das goldene Kalb" (S. 140), "Laß die linke Hand nicht wissen, was die Rechte gibt" (S. 343) usw. Zum biblischen Sprichwortgut überhaupt vgl. Carl Schulze, Die biblischen Sprichwörter der deutschen Sprache, hrsg. und eingeleitet von Wolfgang Mieder (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1860; Nachdruck Bern: Peter Lang, 1987). Vgl. ebenfalls noch Manfred Ach und Clemens Pentrop, Hitlers "Religion": Pseudoreligiöse Elemente im nationalsozialistischen Sprachgebrauch (München: Arbeitsgemeinschaft für Religions-- und Weltanschauungsfragen, 1977).

  48. Vgl. auch die Charakterisierung Hitlers als "Vogel Strauß" in Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 1335.

  49. Zuerst erschienen am 27. Mai 1932 im Berliner Börsen-Courier; dann wieder abgedruckt in Herbert Jhering, Der Kampf um das Theater und andere Streitschriften 1918-1933, hrsg. von Ludwig Hoffmann (Berlin: Aufbau-Verlag, 1974), S. 58-64. Jetzt auch in Wolfgang Mieder, Deutsche Sprichwörter und Redensarten (Stuttgart: Reclam, 1979), S. 134-140 (hier S. 139).

  50. Zitiert aus Hitlers Zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, hrsg. von Gerhard L. Weinberg (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1961), S. 137. Dieses Manuskript von Hitler ist nicht so sprichwortreich wie Mein Kampf - wohl auch deshalb nicht, weil es sich dabei um eine weniger kämpferische und propagandistische als theoretische Schrift handelt. Vgl. aber die Sprichwörter und Redensarten auf S. 137, 138, 140, 141, 162, 170, 171, 172, 174, 189, 205. Das Sprichwort "Kleider machen Leute" hat Hitler vorher schon in Mein Kampf verwendet, wo er sich gegen die saloppe Kleidung der Jugend ausspricht: "Es ist ein wahrer Jammer, sehen zu müssen, wie auch unsere Jugend bereits einem Modesinn unterworfen ist, der so recht mithilft, den Sinn des alten Spruches: "Kleider machen Leute", in einen verderblichen umzukehren" (457).

  51. Ebenda, S. 141. Vgl. auch dieselbe Redensart auf der vorhergehenden Seite (S. 140).

  52. Ebenda, S. 162.

  53. Vgl. die beiden Reden vom 12. September 1938 und 19. September 1939 in Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 899 und Bd. 2, S. 1358.

  54. Vgl. auch noch Hitlers weitere Verwendung dieses Zitats in einer Rede vom 6. April 1938: "Ich sehe in Herrn Schuschnigg eine jener Kräfte, die selbst Böses schaffen wollen, aber im Walten der Vorsehung bestimmt sind, doch am Ende zum Guten zu wirken". Zitiert aus Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 846. Von allgemeinem Interesse ist auch die Studie Beschädigtes Erbe. Beiträge zur Klassikerrezeption in finsterer Zeit, hrsg. von Horst Claussen und Norbert Oellers (Bonn: Bouvier, 1984).

  55. Vgl. dazu Ruth Römer, Sprachwissenschaft und Rassenideologie in Deutschland (München: Fink, 1985).

  56. Vgl. auch Ernst Hiemers antisemitische Sprichwörtersammlung Der Jude im Sprichwort der Völker (Nürnberg: Der Stürmer, 1942), der seinem rassistischen Buch doch tatsächlich u.a. auch ein Kapitel mit dem Titel "Meister der Lüge" (S. 41-47) beifügt, worin er an Hand von volkstümlichen und angeblichen (erfundenen) Sprichwörtern beweisen will, wie verlogen Juden sind. Näheres zur antisemitischen Sprichwörterkunde bei Mieder (wie Anm. 23), bes. S. 194-203.

  57. Vgl. Manfred Pechau, Nationalsozialismus und deutsche Sprache (Diss. Greifswald, 1934; Greifswald: Hans Adler, 1935), S. 65-73. Vgl. jedoch die aufschlußreichen Studien von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und W.E. Süskind, Aus dem Wörterbuch des Unmenschen (Hamburg: Claassen, 1957), Joseph Wulf, Aus dem Lexikon der Mörder. "Sonderbehandlung" und verwandte Worte in nationalsozialistischen Dokumenten (Gütersloh: Sigbert Mohn, 1963); und Hans Winterfeldt, "Elemente der Brutalität im nationalsozialistischen Sprachgebrauch," Muttersprache, 75 (1965), 231-236.

  58. Vgl. Karl Müller, Unseres Führers Sprachkunst auf Grund seines Werkes "Mein Kampf" (Dresden: ohne Verlagsangabe, 1935).

  59. Vgl. Karl Friedrich Wilhelm Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 5 Bde. (Leipzig: F.A. Brockhaus, 1867-1880; Nachdruck Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1964), Bd. 3 (1873), Sp. 1517 (Recht), Nr. 9.

  60. Vgl. auch die Verwendung dieser Redensart in Hitlers Rede vom 30. September 1942 in Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 1922.

  61. Vgl. L.A. Morozova, "Upotreblenie V.I. Leninym poslovits," Russkaia Rech', ohne Bandnummer, Heft 2 (1979), 10-14; und Edd Miller und Jesse J. Villarreal, "The Use of Clichés by Four Contemporary Speakers [Winston Churchill, Anthony Eden, Franklin D. Roosevelt und Henry Wallace]," Quarterly Journal of Speech, 31 (1945), 151-155. Der Sprichwörtergebrauch von Willy Brandt und Ronald Reagan beruht auf meinen eigenen Beobachtungen.

  62. Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 607.

  63. Klemperer (wie Anm. 5), S. 236. Vgl. auch noch seine spätere Aussage "Vox populi - immer wieder die Frage des Miterlebenden, welche von den vielen Stimmen die entscheidende sein wird!" (S. 248). Zu dem Sprichwort "Vox populi, vox Dei" ganz allgemein vgl. G. Boas, Vox Populi: Essays in the History of an Idea (Baltimore/Maryland: Johns Hopkins University Press, 1969), bes. S. 3-38.

  64. Vgl. dazu Friedrich Seiler, Deutsche Sprichwörterkunde (München: C.H. Beck, 1922; Nachdruck 1967), S. 3; und Lutz Röhrich und Wolfgang Mieder, Sprichwort (Stuttgart: Metzler, 1977), S. 2 und 81.

  65. Vgl. Wander (wie Anm. 60), Bd. 3 (1873), Sp. 624 (Mensch), Nr. 771.

  66. Ebenda, Bd. 4 (1876), Sp. 1465 (Unmöglich), Nr. 1; und Bd. 5 (1880), Sp. 1313 (Gehen), Nr. 493.

  67. Vgl. hierzu Hitlers Aussage in seiner Rede vom 1. März 1935: "Der Glaube kann Berge versetzen, der Glaube kann auch Völker befreien. Der Glaube kann Nationen stärken und wieder emporführen, und mögen sie noch so gedemütigt gewesen sein". Zitiert aus Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 487.

  68. Vgl. Wander (wie Anm. 60), Bd. 1 (1867), Sp. 278 (Baum), Nr. 112.

  69. Ebenda, Bd. 4 (1876), Sp. 1176 (Thun), Nr. 233.

  70. Ebenda, Bd. 3 (1873), Sp. 1528-1529 (Recht), Nr. 203.

  71. Ebenda, Bd. 3 (1873), Sp. 306 (Macht), Nr. 18.

  72. Vgl. dazu Wolfgang Mieder, Das Sprichwort in unserer Zeit (Frauenfeld: Huber, 1975), S. 82-84.

  73. Hitler hatte auch eine Vorliebe für das aus Schillers Drama Die Verschwörung des Fiesco zu Genua zum Sprichwort gewordene Zitat "Der Mohr hat seine Schuldigkeit (Arbeit) getan, der Mohr kann gehen". Vgl. dazu in Mein Kampf (S. 322) und die beiden Reden vom 3O. Januar 1941 und 4. Mai 1941 in Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 1659 und 1707.

  74. Burke (wie Anm. 31), S. 24.

  75. Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 609. Auch als "geflügeltes Wort in Büchmann (wie Anm. 18), S. 645.

  76. Bei Schiller heißt es bekanntlich genauer "Wir sind ein Volk und einig wollen wir handeln". Zur neueren Verwendung dieses Zitats in bezug auf die Wiedervereinigung vgl. Ulla Fix, "Der Wandel der Muster - Der Wandel im Umgang mit den Mustern. Kommunikationskultur im institutionellen Sprachgebrauch der DDR am Beispiel von Losungen," Deutsche Sprache, ohne Bandnummer, Heft 4 (1990), 332-347; und Hans-Manfred Militz, "Das Antisprichwort als semantische Variante eines sprichwörtlichen Textes," Proverbium, 8 (1991), 107-111.

  77. Vgl. dazu Irene Meichsner, Die Logik von Gemeinplätzen. Vorgeführt an Steuermannstopos und Schiffsmetapher (Bonn: Bouvier, 1983); und Wolfgang Mieder, "'Wir sitzen alle in einem Boot': Herkunft, Geschichte und Verwendung einer neueren deutschen Redensart," Muttersprache, 100 (1990), 18-37.

  78. Hitler spricht in diesem Zitat von der Bündnispolitik Österreichs und konnte selbstverständlich nicht voraussehen, daß er selbst als furchtbarste Inkarnation des "Rattenfängers von Hameln" in die Geschichte eingehen würde. Vgl. dazu die zahlreichen schriftstellerischen und karikaturistischen Interpretationen von Hitler als Rattenfänger in Wolfgang Mieder, "Der Rattenfänger von Hameln in der modernen Literatur, Karikatur und Werbung," Muttersprache, 95 (1984-1985), 127-150.

Wolfgang Mieder
Department of German and Russian
University of Vermont
Burlington, Vermont 05405
USA


 
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