"... als ob ich Herr der Lage
würde" Zur Sprichwortmanipulation in Adolf Hitlers Mein
Kampf
Für Ruth Klüger
Die zahlreichen wissenschaftlichen Studien zum
Sprachgebrauch im nationalsozialistischen Deutschland sind
heute schon kaum noch zu überblicken, [1] wobei neuerdings wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden
ist, daß es sich bei solchen Untersuchungen nicht
ausschließlich um die Sprache des Nationalsozialismus sondern auch um die Sprache im Nationalsozialismus handeln sollte.
[2] Zwei frühe Zeitdokumente lassen die Notwendigkeit
dieser Umorientierung klar erkennen. Da ist einmal das
satirische Werk Die dritte Walpurgisnacht (1933) von
Karl Kraus, worin der aufsteigende Nationalsozialismus an
Hand seiner Schlagwörter, Phrasen und Redensarten
bloßgestellt wird. Allerdings hatte diese "politische
Phrasenvernebelung" laut Kraus von vornherein Einfluß
auf die gesamte deutsche Bevölkerung, die in der
Mehrzahl gar nicht gewahr wurde, "welche Wirklichkeit hinter
Redensarten haust". [3] In
Abwandlung des Sprichwortes "Die Sonne bringt es an den Tag"
heißt es bei Kraus "Die Sprache bringt es an den
Tag",
[4] und eben diese
prägnante Formulierung hat auch der Romanist und
Holocaust-Überleber Victor Klemperer in seinem
autobiographisch-wissenschaftlichen Buch L[ingua]
T[ertii] I[mperii]: Notizbuch eines
Philologen (1947) mehrmals verwendet,
[5] um damit auf die gedankenlose oder auch unmoralische
Sprachverwendung im Dritten Reich hinzuweisen. Es sei aber
auch noch auf den mutigen Aufsatz mit dem
biblisch-sprichwörtlichen Titel "An ihrer Sprache sollt
Ihr sie erkennen: Die Gleichschaltung der deutschen Sprache"
(1938) hingewiesen, worin Hans Jacob von der immer weiter um
sich greifenden "Vergewaltigung des Sprachgeistes" in
Deutschland gesprochen hat, [6] als man Hitler und seine propagandistischen Reden unkritisch
umjubelte. Hitler hat das ursprüngliche Bibelsprichwort
"An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (Matth.
7:16) in einer höhnischen Rede gegen die
Sozialdemokraten am 23. März 1933 eingesetzt, und zwar
mit dem satirischen Zusatz "Die Früchte zeugen gegen
Sie!"
[7] Noch ahnte der sich so
gern als Prophet sehende Hitler freilich nicht, wie die
Früchte seiner Worte und Taten gegen ihn und seine
Mitstreiter zeugen würden.
Selbstverständlich hatten die Nationalsozialisten
ihr bestimmtes Vokabular, das ihr Programm zusammen mit dem
propagandistisch ausgerichteten Stil untermauerte.
Eingehende Studien von Cornelia Berning, Werner Betz,
Siegfried Bork, Rolf Glunk, Heinz Paechter, Wolfgang Sauer,
Eugen Seidel und Ingeborg Seidel-Slotty u.a. haben das
detailliert dargestellt, [8] doch
darf man darüber nicht vergessen, daß die
Nationalsozialisten zusätzlich auch erheblichen
Gebrauch der Volkssprache in all ihren Aspekten gemacht
haben. So forderte Joseph Goebbels ganz bewußt auf dem
"Parteitag der Treue" (1934) nach der Röhmaffäre
die Verwendung der volkstümlichen Sprache: "Wir
müssen die Sprache sprechen, die das Volk versteht. Wer
zum Volke reden will, muß, wie Luther sagt, dem Volke
aufs Maul sehen".
[9] Ganz
ähnlich hatte sich jedoch Adolf Hitler bereits 1925/26
in Mein Kampf geäußert: "Die Rede eines
Staatsmannes zu seinem Volk habe ich nicht zu messen nach
dem Eindruck, den sie bei einem Universitätsprofessor
hinterläßt, sondern an der Wirkung, die sie auf
das Volk ausübt" (534).
[10] Was speziell für den "Volksredner" gefordert wird, das
gilt laut Hitler auch ganz allgemein für die alles
beherrschende "Propaganda" der nationalsozialistischen
Bewegung, denn "Jede Propaganda hat volkstümlich zu
sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der
Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen,
an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein
geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je
größer die zu erfassende Masse der Menschen sein
soll" (197).
[11] Kein Wunder
also, daß sich in Hitlers "Kampfbuch", im offiziellen
Presseorgan des Völkischen Beobachters sowie in
allen anderen Schriften und Flugblättern und vor allem
in den Reden auf den Massenkundgebungen Elemente der
Volkssprache auffinden lassen. So ist auch Hitlers Mein
Kampf keineswegs nur ein autobiographisches Buch
über individuelle Lebenserfahrungen seines Autors,
sondern vielmehr in großen Teilen "die typische
Lebenserfahrung und die gängigen ideologischen
Klischees ... gesellschaftlicher
Kollektiverfahrung".
[12] Die
Sprachklischees gehen von stereotypischen Vorurteilen bis
hin zur jargonhaften Vulgärsprache mit ihren Schlag-
und Schimpfworten, [13] die in
ihren antimarxistischen und antisemitischen Tiraden ihre
grotesk-aggressiven Höhepunkte erreichen. Der Sprach-
und Kulturhistoriker George Steiner schrieb
diesbezüglich in einem wichtigen Beitrag über die
Schuld der deutschen Sprache an den Schreckenstaten der
Nazis folgendes: "Hitler spürte in der deutschen
Sprache eine andere Musik als die von Goethe, Heine oder
Mann auf; eine rauhe, krächzende Kadenz, halb nebuloses
Kauderwelsch, halb Gossenjargon. Und das deutsche Volk,
anstatt sich ungläubig und angeekelt abzuwenden, gab
dem Gebrüll des Mannes einen massiven
Widerhall". [14]
Wen wird es bei einer solchen "Körperkultur" noch
überraschen, daß Hitler eine besondere Vorliebe
für das klassische Sprichwort "Mens sana in corpere
sano" hatte, das im Kampfbuch gleich dreimal in seiner
deutschen Fassung "Ein gesunder Geist in einem gesunden
Körper" auftritt. Wie die folgenden Belege jedoch
verdeutlichen, wurde auch dieses Sprichwort von Hitler auf
perverse Art und Weise in den Dienst seiner rassistischen
Pläne gestellt, was freilich mit dem antiken
Gesundheitsideal nichts mehr zu tun hat. Schon im ersten
Teil von Mein Kampf heißt es
programmatisch:
Vor allem muß in der bisherigen Erziehung
ein Ausgleich zwischen geistigem Unterricht und
körperlicher Ertüchtigung eintreten. Was heute
Gymnasium heißt, ist ein Hohn auf das griechische
Vorbild. Man hat bei unserer Erziehung vollkommen
vergessen, daß auf die Dauer ein gesunder Geist
auch nur in einem gesunden Körper zu wohnen vermag.
Besonders wenn man, von einzelnen Ausnahmen abgesehen,
die große Masse eines Volkes ins Auge faßt,
erhält dieser Satz unbedingte Gültigkeit
(276-277).
Knapp zweihundert Seiten später kommt Hitler erneut
auf diese sprichwörtliche Weisheit zurück, doch
wird das Sprichwort hier noch eindeutiger manipuliert. Es
handelt sich nicht mehr um einen Ausgleich von Geist und
Körper, sondern jetzt wird die "körperliche
Ertüchtigung" bzw. "körperliche Gesundheit" voll
und ganz dem Geist oder Intellekt vorgezogen. Das
griechische Vorbild geht verloren, denn hier handelt es sich
um Rassenpolitik und Macht:
Und so wie im allgemeinen die Voraussetzung
geistiger Leistungsfähigkeit in der rassischen
Qualität des gegebenen Menschenmaterials liegt, so
muß auch im einzelnen die Erziehung zuallererst die
körperliche Gesundheit ins Auge fassen und
fördern; denn in der Masse genommen wird sich ein
gesunder, kraftvoller Geist auch nur in einem gesunden
und kraftvollen Körper finden. Die Tatsache,
daß Genies manches Mal körperlich wenig
gutgebildete, ja sogar kranke Wesen sind, hat nichts
dagegen zu sagen. Hier handelt es sich um Ausnahmen, die
- wie überall - die Regel nur bestätigen
(451-452).
Interessant, wie hier das Genie sprichwörtlich zur
Regel bestätigenden Ausnahme erklärt wird. So wird
gleich mit der Überzeugungskraft und Autorität
zweier Sprichwörter argumentiert, eine rhetorische
Methodik, die Hitler in dieser Sektion über die
"Erziehungsgrundlage des völkischen Staates" (451-457)
eine Seite später nochmals verwendet. Hier wird ein
seit 1871 sprichwörtlich gewordenes Zitat General
Helmuth Moltkes zum Schluß dieses Aufrufs zur
"körperlichen Ertüchtigung" mit dem
paraphrasierten klassischen Sprichwort verbunden, um auf die
Vorzüge eines gesunden Körpers gegenüber der
Geistesausbildung hinzuweisen:
Wenn der Moltkesche Ausspruch: "Glück hat
auf die Dauer doch nur der Tüchtige" Geltung
besitzt, so sicherlich für das Verhältnis von
Körper und Geist: Auch der Geist wird, wenn er
gesund ist, in der Regel und auf die Dauer nur in
gesundem Körper wohnen (453).
Dieser Antiintellektualismus Hitlers zeigt sich in Mein Kampf auch in seiner krassen Ablehnung
gewählter Volksvertreter, wobei gleichzeitig seine auch
an vielen anderen Stellen in diesem Buch hervortretende
Mißachtung der Menschen schlechthin (auch der
deutschen Bürger) spürbar wird:
Man wird hoffentlich nicht meinen, daß aus
den Stimmzetteln einer alles eher als geistreichen
Wählerschaft die Staatsmänner gleich zu
Hunderten herauswachsen. Überhaupt kann man dem
Unsinn gar nicht scharf genug entgegentreten, daß
aus allgemeinen Wahlen Genies geboren würden. Zum
ersten gibt es in einer Nation nur alle heiligen Zeiten
einmal einen wirklichen Staatsmann und nicht gleich an
die hundert und mehr auf einmal; und zum zweiten ist die
Abneigung der Masse gegen jedes überragende Genie
eine geradezu instinktive. Eher geht auch ein Kamel durch
ein Nadelöhr, ehe ein großer Mann durch eine
Wahl "entdeckt" wird (96).
Welch bloßstellende Ironie macht sich hier
bemerkbar! Somit wäre Hitler laut eigener Definition
also absolut kein Genie, wofür er sich doch immer so
gern gehalten hat. Als er später gewählt wurde, da
hatte diese Entscheidung nichts mit seinem Genie sondern mit
Massenmanipulation und Massenhysterie zu tun. Hitlers
Anspielung aber auf das biblische Sprichwort "Es ist
leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe,
als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme" (Matth.
19:24) hat sich in seinem Falle als richtige Prophezeiung
erwiesen: seine "Wahl" hat in der Tat keinen großen
Mann entdeckt, und statt im Reich Gottes ist er in der
Hölle des Teufels gelandet. Das grotesk prophetische
Element in Mein Kampf macht sich auch an Hitlers
Verwendung des Bibelsprichwortes "Was der Mensch säet,
das wird er ernten" (Galat. 6:7) bemerkbar, wenn man an das
zerstörte Deutschland im Jahre 1945 denkt:
Auch dieses ist ein Zeichen unserer sinkenden
Kultur und unseres allgemeinen Zusammenbruches.
[...] Da aber darf man sich auch nicht wundern,
wenn unter einer solchen Gottheit [lies jetzt
Hitler] wenig Sinn für Heroismus
übrigbleibt. Die heutige Gegenwart erntet nur, was
die letzte Vergangenheit gesät hat (292).
Wenn Hitler hier und da die Beteuerungsformel "Gott sei
Lob und Dank" (vgl. S. 446, 537, 538, 554) in seinen
Schreibfluß einstreut, so erscheint selbst diese
Phrase heute als Blasphemie, und die Bezeichnung der
Nationalsozialisten in ihrem Anfangsstadium als "arme
Teufel" (vgl. S. 388, 390) wirkt auf eine andere Weise
grotesk, wenn man an die wirklich teuflischen Mörder
unter ihnen denkt. Der biblische Widerspruch von Gott und
Teufel spielt auch in Mein Kampf eine Rolle, und
sprichwörtliche Redensarten sowie Sprichwörter aus
der Bibel[48] verleihen diesem
Buch mit seinen pseudoreligiösen Passagen einen
makabren Charakter.
Die bereits angedeutete Mißachtung aller seiner
Mitmenschen ist auf vielen Seiten dieses
aufschlußreichen Buches zu spüren. Niemand
scheint ungeschoren wegzukommen, und durch passende
Redensarten vermag Hitler mehr indirekt als direkt
vielleicht seine überall lauernden Gegner auf oft
sarkastische Weise zu charakterisieren. So spricht er zum
Beispiel von der "dummen Schafsgeduld" (51) bzw. von "der
großen stupiden Hammelherde unseres schafsgeduldigen
Volkes" (685). Solche Assoziierung der Menschen mit Tieren
kennt keine Grenzen, wie folgende Beispiele nur zu deutlich
zeigen:
Die parlamentarischen Ratten verlassen das
Parteischiff (113).
Daß dies mit Religion gar nichts zu tun hat,
weiß so ein listiger Fuchs ganz genau (125).
Indem der eiserne Kanzler das Schicksal seines
Marxistenkrieges dem Wohlwollen der bürgerlichen
Demokratie überantwortete, machte er den Bock zum
Gärtner (189-190).
Mit dem Erfolge, daß der Herr Vorredner, noch
ehe ich [Hitler] fertig war, wie ein begossener
Pudel das Lokal verließ (238).
Sie [die Niederlage im Ersten Weltkrieg] ist
nur die größte äußere
Verfallserscheinung unter einer ganzen Reihe von inneren,
die vielleicht in ihrer Sichtbarkeit den Augen der
meisten Menschen verborgen geblieben waren, oder die man
nach der Vogel-Strauß-Manier nicht sehen wollte
(250).[49]
Pflegte doch die größte sogenannte
bürgerliche Versammlung vor einem Dutzend
Kommunisten auseinanderzulaufen und auszureißen wie
die Hasen vor dem Hunde (392).
Ich habe sie [die Spießbürger]
damals nirgends gesehen, alle die großen
völkischen Apostel von heute. Vielleicht sprachen
sie in Kränzchen, an Teetischen oder in Zirkeln
Gleichgesinnter, aber da, wo sie hätten sein
müssen, unter den Wölfen, dorthin wagten sie
sich nicht; außer es fand sich eine Gelegenheit,
mit ihnen heulen zu können (519).
Wenn Hitler nicht Tierbilder zum Vergleich in Anspruch
nimmt, dann stellt er seine Mitmenschen durch Redensarten
wie "Hans Dampf in allen Gassen" dar, wobei diese oft
geschickt modifiziert werden, um die Argumentation durch
solche sprachlichen Innovationen zu verstärken:
Es ist nichts gefährlicher für eine
politische Partei, als wenn sie sich in ihren
Entschließungen von jenen Hansdampfgesellen in
allen Gassen leiten läßt, die alles wollen,
ohne auch nur das Geringste je wirklich erreichen zu
können (128).
Ich habe schon damals immer eine instinktive Abneigung
gegenüber Menschen besessen, die alles beginnen,
ohne auch nur etwas durchzuführen. Diese Hansdampfe
in allen Gassen waren mir verhaßt. Ich hielt die
Tätigkeit dieser Leute für schlechter als
Nichtstun (242).
Ganz besonders gefährlich ist Hitlers Anwendung der
Redensart "aus demselben Holz geschnitzt sein" auf seine
pervertierte Interpretation der natürlichen
Auslesetheorie Darwins auf die Menschen:
Anders [als bei der Natur] ist es, wenn
der Mensch eine Beschränkung seiner Zahl vorzunehmen
sich anschickt. Er ist nicht aus dem Holze der Natur
geschnitzt, sondern "human". Er versteht es besser als
diese grausame Königin aller Weisheit. Er
beschränkt nicht die Forterhaltung des einzelnen als
vielmehr die Fortpflanzung selber. Dieses erscheint ihm,
der ja immer nur sich selbst und nie die Rasse sieht,
menschlicher und gerechtfertigter zu sein als der
umgekehrte Weg (144).
Hier greift Hitler gar das Humane selbst an, was
anscheinend seinem Plan der perfekten arischen Rasse im Wege
stehen könnte. Das führte später zu dem
grausamen Programm der Euthanasie, die an unschuldigen
Opfern ausgeübt wurde. Hitler wollte nur gesunde und
starke Arier in seinem deutschen Volk, und jede Art der
menschlichen Schwäche wurde aufs Ärgste an den
Pranger gestellt. Diese Einstellung bezog sich auch auf das
Erziehungswesen der Jugend, wie es in Mein Kampf deutlich zum Ausdruck kommt:
Noch weniger Wert wurde [...] auf die
Erziehung des Willens und der Entschlußkraft
[gelegt]. Ihre Ergebnisse waren wirklich nicht
die starken Menschen, sondern vielmehr die gefügigen
"Vielwisser", als die wir Deutsche vor dem Kriege ja
allgemein galten und demgemäß
eingeschätzt wurden. Man liebte den Deutschen, da er
sehr gut zu verwenden war, allein man achtete ihn wenig,
gerade infolge seiner willensmäßigen
Schwäche. Nicht umsonst verlor gerade er am
leichtesten unter fast allen Völkern
Nationalität und Vaterland. Das schöne
Sprichwort "Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das
ganze Land" besagt alles (258).
Hitler will mit der Verwendung dieses Sprichwortes die
angebliche Unterwürfigkeit der Deutschen
bloßstellen. Dabei ist von Interesse, daß der
Kulturkritiker Herbert Jhering in einem kritischen Aufsatz
über "Die kleinen Redensarten" aus dem Jahre 1932
dasselbe Sprichwort einsetzt, um eben diese
unterwürfigen Deutschen gegen Hitler zu
aktivieren: "'Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das
ganze Land': Man läßt sich treten, man
läßt sich hinauswerfen, aber man bleibt
demütig mit dem Hute in der Hand. Es gibt kein
Sprichwort, das so sehr zum Nachgeben auffordert, wie
dieses".[50] Hier macht sich die
unterschiedliche Funktion ein und desselben Sprichwortes
deutlich bemerkbar, die es zu einem effektiven
Argumentations- und Manipulationsmittel für die
entgegengesetztesten Zwecke macht.
Hitler hat dieses Sprichwort noch einmal in seinem erst
1961 im Druck erschienenen aber auch heute noch wenig
bekannten sogenannten Zweiten Buch zitiert. Das
Manuskript dieser Programmschrift stammt von 1928, wurde
aber von Hitler nicht zum Druck gegeben - vieles darin ist
nur Wiederholung und vor allem Ausbau seiner
außenpolitischen Gedanken und Pläne aus seinem
ersten Kampfbuch. Das besagte Sprichwort steht zusammen mit
drei weiteren Sprichwörtern in einer Sektion (vgl. S.
136-139), worin Hitler das politische Desinteresse und das
fehlende Engagement der deutschen Bevölkerung
anprangert:
Ja, es gibt allerdings nicht wenige Menschen
heute, die überhaupt glauben, daß man nichts
tun dürfe. Sie fassen ihre Meinung dahin zusammen,
daß Deutschland heute klug und zurückhaltend
sein müsse, daß es sich nirgends engagieren
dürfe, daß man die Entwicklung der Ereignisse
wohl im Auge behalten müsse, allein selbst nicht
daran teilzunehmen habe, um eines Tages dann die Rolle
jenes lachenden Dritten zu übernehmen, der den
Erfolg einheimst, während zwei andere streiten.
Ja, ja, so klug und weise sind unsere heutigen
bürgerlichen Staatskünstler. Ein politisches
Urteil, das von keinerlei Kenntnis der Geschichte
getrübt wird. Es gibt nicht wenige
Sprichwörter, die für unser Volk zu einem
wirklichen Fluch geworden sind. Z.B. "Der Gescheitere
gibt nach" oder "Kleider machen Leute" oder "Mit dem Hute
in der Hand kommt man durchs ganze Land" oder "Wenn zwei
sich streiten, freut sich der Dritte".[51]
Der Steuermann oder Führer also im leitmotivischen
und sprichwörtlichen Kampf "auf Leben und Tod". Genau
so sieht sich Hitler in Mein Kampf, und so stellt er
sich bis zu seinem Ende immer wieder selbst dar. Daß
er dadurch Millionen Menschen tatsächlich den Tod
bringen würde, hat er sich 1925/26 wohl noch nicht
(oder doch schon?) träumen lassen. Zur Zeit der
Niederschrift von Mein Kampf erklärt Hitler mit
fanatischer Zuversicht, daß seine
nationalsozialistische Bewegung den Sieg im deutschen Staat
davontragen wird. Mit rund 500 Sprichwörtern und
Redensarten auf 782 Seiten, was die hohe Frequenz von etwa
einer sprichwörtlichen Wendung je anderthalb Seiten
ergibt, hat Hitler sein Programm in diesem Kampfbuch
metaphorisch und volkssprachlich untermauert und sich als
sprachgewandter aber auch gefährlicher Rhetoriker
erwiesen. In seinem Fanatismus war es ihm klar, daß
sein Kampf ihn zum unumstrittenen Führer in Deutschland
machen würde. Es wurde eingehends schon erwähnt,
daß Adolf Hitler eine deutliche Vorliebe für die
Redensart "Herr der Lage sein" hatte, und so möge seine
eigene Aussage betreffs einer frühen Versammlungsrede
im Jahre 1921 abschließen, da sie sein komplexes Wesen
sowie sein krankhaftes Kämpfen um die Position des
"Führers" in aller Kürze und noch im
unerfüllten redensartlichen Konjunktiv aufzeigt: "Nach
ungefähr eineinhalb Stunden - solange konnte ich, trotz
aller Zwischenrufe sprechen - war es fast so, als ob ich
Herr der Lage würde" (565). Oh wäre er dieser Herr nie geworden, der, und auch dieser letzte Satz
kann heute als prophetische Aussage gelesen werden, "das
liebe Volk wie der Rattenfänger von Hameln[79] hinter sich herziehend in das Verderben" (164)
führte.
Endnotes
Vgl. Michael Kinne, "Zum
Sprachgebrauch der deutschen Faschisten: Ein
bibliographischer Überblick," Diskussion
Deutsch, 14 (1983), 518-521.
Vgl. dazu Utz Maas, "Sprache im
Nationalsozialismus," Diskussion Deutsch, 14
(1983), 499-517; ders., Als der Geist der Gemeinschaft
eine Sprache fand: Sprache im Nationalsozialismus.
Versuch einer historischen Argumentationsanalyse (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1984); und Carola Sachse,
Tilla Siegel, Hasso Spode und Wolfgang Spohn, Angst,
Belohnung, Zucht und Ordnung. Herrschaftsmechanismen im
Nationalsozialismus (Opladen: Westdeutscher Verlag,
1982).
Vgl. Karl Kraus, Die dritte
Walpurgisnacht, hrsg. von Heinrich Fischer
(München: Kösel, 1952), S. 208 und S. 211. Zu
weiteren Aussagen über die Verwendung von
Redensarten während des Nationalsozialismus vgl.
Wolfgang Mieder, "Karl Kraus und der sprichwörtliche
Aphorismus," Muttersprache, 89 (1979), 97-115;
auch abgedruckt in W. Mieder, Deutsche
Sprichwörter in Literatur, Politik, Presse und
Werbung (Hamburg: Helmut Buske, 1983), S. 113-131.
Von Interesse ist ebenfalls Andrea Hoffend, "Bevor die
Nazis die Sprache beim Wort nahmen: Wurzeln und
Entsprechungen nationalsozialistischen Sprachgebrauchs," Muttersprache, 97 (1987), 257-299.
Ebenda, S. 241.
Zu der sprichwörtlichen Aussage
"Die Sprache bringt es an den Tag" vgl. Victor Klemperer, LTI: Notizbuch eines Philologen (Köln:
Röderberg, 1987), S. 16 und S. 166-167.
Hans Jacob, "An ihrer Sprache sollt
Ihr sie erkennen: Die Gleichschaltung der deutschen
Sprache," Das Wort, 1 (1938), 81-86. Das
abgewandelte Bibelsprichwort tritt in dem kurzen Aufsatz
leitmotivisch auf, und es erscheint am Ende mit einem
imperativen Ausrufezeichen als Aufruf an die deutsche
Bevölkerung, sich endlich kritisch mit der Sprache
und den Plänen der Nationalsozialisten
auseinanderzusetzen.
Alle Zitate aus Reden Hitlers werden
zitiert aus dem Standardwerk von Max Domarus, Hitler:
Reden und Proklamationen 1932-1945, 2 Bde. (Neustadt
a. d. Aisch: Schmidt, 1962-1963), Bd. 1, S. 244.
Vgl. Cornelia Berning, Vom
Abstammungsnachweis zum Zuchtwort: Vokabular des
Nationalsozialismus (Berlin: Walter de Gruyter,
1964); Werner Betz, "The National-Socialist Vocabulary,"
in The Third Reich, hrsg. von Maurice Baumont,
John Fried und Edmond Vermeil (New York: Frederick
Praeger, 1955), S. 784-796; Siegfried Bork, Mißbrauch der Sprache: Tendenzen
nationalsozialistischer Sprachregelung (München:
Francke, 1970); Rolf Glunk, "Erfolg und Mißerfolg
der nationalsozialistischen Sprachlenkung," Zeitschrift für deutsche Sprache, 22 (1966),
57-73 und 146-153; 23 (1967), 83-113 und 178-188; 24
(1968), 72-91 und 184-191; 26 (1970), 84-97 und 176-183;
und 27 (1971), 113-123 und 177-187; Heinz Paechter, Nazi-Deutsch: A Glossary of Contemporary German (New York: Frederick Ungar, 1944); Wolfgang Sauer, Der
Sprachgebrauch von Nationalsozialisten vor 1933 (Hamburg: Helmut Buske, 1978); und Eugen Seidel und
Ingeborg Seidel-Slotty, Sprachwandel im Dritten
Reich (Halle: Verlag Sprache und Literatur,
1961).
Zitiert aus Cornelia Berning, "Die
Sprache der Nationalsozialisten," Zeitschrift für
deutsche Wortforschung, 18 (1962), 109. Bernings
umfangreicher Beitrag, der mehr bringt als ihr in Anm. 8
verzeichnetes Wörterbuch, befindet sich in den
folgenden Bänden dieser Zeitschrift: 16 (1960),
71-149 und 178-188; 17 (1961), 83-121 und 171-182; 18
(1962), 108-118 und 160-172; 19 (1963), 92-112. Klemperer
(wie Anm. 5), S. 246 zitiert diese Aussage Goebbels
ebenfalls.
Sämtliche Zahlen in Klammern
beziehen sich auf folgende Ausgabe: Adolf Hitler, Mein
Kampf, 127.-128. Aufl. (München: Eher, 1934).
Ich danke Helmut Walther (Gesellschaft für deutsche
Sprache) dafür, daß er mir dieses Buch vor
einigen Jahren mit viel Mühe antiquarisch besorgen
konnte.
Vgl. auch noch folgende respektlose
Aussage Hitlers: "Die Aufnahmefähigkeit der
großen Masse ist nur sehr beschränkt, das
Verständnis klein, dafür jedoch die
Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen
heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur
sehr wenige Punkte zu beschränken und diese
schlagwortartig solange zu verwerten, bis auch bestimmt
der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich
vorzustellen vermag" (198). Vgl. ebenfalls Walther
Dieckmann, "Zum Wörterbuch des Unmenschen:
Propaganda," Zeitschrift für deutsche
Sprache, 21 (1965), 105-114.
Vgl. Lutz Winckler, Studie zur
gesellschaftlichen Funktion faschistischer Sprache (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970), S. 90.
Vgl. hierzu vor allem die
aufschlußreiche Studie von Sigrid Frind, Die
Sprache als Propagandainstrument in der Publizistik des
Dritten Reiches, untersucht an Hitlers "Mein Kampf" und
den Kriegsjahrgängen des "Völkischen
Beobachter" (Diss. Freie Universität Berlin,
1964), bes. S. 41-45 und S. 137-141.
Der Aufsatz wurde 1959 geschrieben
und erschien zuerst in englischer Sprache in Amerika als
"The Hollow Miracle" in der Wochenschrift The
Reporter; jetzt auch abgedruckt in George Steiner, Language and Silence: Essays on Language, Literature
and the Inhuman (New York: Atheneum, 1967), S.
95-109. In deutscher Sprache erschienen als "Das hohle
Wunder" in G. Steiner, Sprache und Schweigen: Essays
über Sprache, Literatur und das Unmenschliche (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1969), S. 129-146. Ein
Auszug daraus auch in Michael Kinne (Hrsg.), Nationalsozialismus und deutsche Sprache (Frankfurt am Main: Moritz Diesterweg, 1981), S.
26-27.
Zur Metaphorik der Nazisprache vgl.
Konrad Ehelich (Hrsg.), Sprache im Faschismus (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989), S. 154-157; Detlev
Grieswelle, Propaganda der Friedlosigkeit. Eine Studie
zu Hitlers Rhetorik 1920-1933 (Stuttgart: Ferdinand
Enke, 1972), S. 156-159; Seidel und Seidel-Slotty (wie
Anm. 8), S. 9-11; und Margareta Wedleff, "Zum Stil in
Hitlers Maireden," Muttersprache, 80 (1970),
107-127 (bes. 116-117).
Vgl. Bork (wie Anm. 8), S. 91-95;
Walther Dieckmann, Sprache in der Politik (Heidelberg: Carl Winter, 1969), S. 108; Frind (wie Anm.
13), S. 70-73; Sigrid Frind, "Die Sprache als
Propagandainstrument des Nationalsozialismus," Muttersprache, 76 (1966), 129-135 (bes. S. 132);
Jürgen Henningsen, Bildsamkeit, Sprache und
Nationalsozialismus (Essen: Neue Deutsche Schule
Verlagsgesellschaft, 1963), S. 14-16; und Gerhard Voigt,
"Bericht vom Ende der 'Sprache des Nationalsozialismus'," Diskussion Deutsch, 19 (1974), 445-464 (bes. S.
447).
Vgl. Grieswelle (wie Anm. 15), S.
149.
Vgl. Georg Büchmann, Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen
Volkes, hrsg. von Gunther Haupt und Werner Rust. 28.
Aufl. (Berlin: Haude & Spener, 1937), S. 641-650. Die
parallellaufende aber stark gekürzte "Volksausgabe"
von Gunther Haupt behält diese Seiten bei; vgl. Geflügelte Worte, hrsg. von Gunther Haupt
(Berlin: Haude & Spener, 1937), S. 407-415. Die
"Volksausgabe" von 1941 ist identisch. Die bedeutend
kürzere Ausgabe Büchmann Geflügelte
Worte, hrsg. von Valerian Tornius (Leipzig: Philipp
Reclam, o.J. [1936?]) enthält auf den
letzten drei Seiten (S. 261-263) ebenfalls eine Anzahl
dieser Zitate.
Zu diesem von den Nazis verwendeten
und mißbrauchten Sprichwort vgl. Theodor
Heuß, Hitlers Weg. Eine historisch-politische
Studie über den Nationalsozialismus (Stuttgart:
Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1932), S. 84-85;
Bertolt Brecht, "Über den Satz 'Gemeinnutz geht vor
Eigennutz'," in Bertolt Brecht, Gesammelte Werke in 20
Bänden, hrsg. von Elisabeth Hauptmann (Frankfurt
am Main: Suhrkamp, 1967), Bd. 20, S. 230-233 (geschrieben
zwischen 1933 und 1939); Ernst Bloch, "Die Fabel des
Menenius Agrippa oder eine der ältesten
Soziallügen", in E. Bloch, Politische Messungen,
Pestzeit, Vormärz (Frankfurt am Mein: Suhrkamp,
1970), S. 172-176 (geschrieben 1936); und Frind (wie Anm.
13), S. 71.
Briefliche Mitteilung von Hans
Manfred Militz (Jena) vom 14. Februar 1985.
Ruth Klüger, weiter leben.
Eine Jugend (Göttingen: Wallstein, 1992), S.
119. Für fünf exemplarische Rezensionen dieses
gewichtigen Buches vgl. Paul Michael Lützeler,
"Dichten nach Auschwitz: Lebensbericht von Ruth
Klüger," Neue Zürcher Zeitung, Nr. 229
(2. Oktober 1992), S. 27; Hans Joachim Kreutzer, "Die
Auschwitznummer nicht verdecken: Ruth Klügers
Erinnerungen - eine Einladung zum Streiten," Süddeutsche Zeitung, N. 264 (14. November
1992), S. IV; Sigrid Löffler, "Davongekommen: Jetzt
noch über Auschwitz schreiben?" Die Zeit (amerikanische Ausgabe), Nr. 32 (13. August 1993), S. 23;
Egon Schwarz, "Ruth Klüger: weiter leben," German Quarterly, 66 (1993), 286-288; und Ursula
Mahlendorf, "Ruth Klüger: weiter leben," World Literature Today, 67 (1993), 607-608.
Vgl. Friedrich Wolf, Gedichte,
Erzählungen 1911-1936, hrsg. von Else Wolf und
Walther Pollatschek (Berlin: Aufbau-Verlag, 1963), S.
85-86.
Vgl. Wolfgang Mieder,
"Sprichwörter unterm Hakenkreuz," Muttersprache, 93 (1983), 1-30; auch abgedruckt in
W. Mieder (wie Anm. 3), S. 181-210.
Vgl. Kraus (wie Anm. 3), S.
123.
Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S.
1828-1829.
Vgl. Frind (wie Anm. 13), S.
23.
Bork (wie Anm. 8), S. 92.
Ebenda, S. 50-51.
Vgl. Kirsten Gomard, "Zum
Sprachgebrauch im Dritten Reich," Augias, Nr. 2
(1981), 27-45 (bes. S. 33-34).
Vgl. hierzu die Ausführungen von
Klemperer (wie Anm. 5), S. 28-29.
Kenneth Burke, Die Rhetorik in
Hitlers "Mein Kampf" und andere Essays zur Strategie der
Überredung (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1967),
S. 31. Es ist hier von Interesse, daß Burke gerade
mit diesem Aufsatz seine amerikanischen Leser vor Hitler
und den Nationalsozialisten warnen wollte und sie zum
Lesen von Mein Kampf aufforderte: "Eine
eingehendere Beschäftigung mit diesem Buch sollte
auch die Augen dafür öffnen, welcher Art die
'Medizin' ist, die dieser Schamane [Hitler]
gebraut hat, und wovor wir auf der Hut zu sein haben, die
wir verhindern wollen, daß derlei Medizin eines
Tages auch in unserem Lande gebraut wird". Amerikanische
Intellektuelle zusammen mit deutschen Emigranten sorgten
dann auch dafür, daß nach einer gekürzten
Übersetzung von 1933 im Jahre 1939 eine
vollständige englische Übersetzung erscheinen
konnte, die über Hitler und Nazi-Deutschland
Aufschluß gab. Das Buch wurde in viele andere
Sprachen übersetzt, ins Englische sogar mehrmals.
Vgl. hierzu C. Caspar, "Mein Kampf - A Best
Seller," Jewish Social Studies, 20 (1958), 3-16;
Werner Maser, Hitlers "Mein Kampf". Entstehung,
Aufbau, Stil und Änderungen, Quellen, Quellenwert,
kommentierte Auszüge (München: Bechtle,
1966), S. 30-35; Karl Lange, Hitlers unbeachtete
Maximen. "Mein Kampf" und die Öffentlichkeit (Stuttgart: Kohlhammer, 1968), S. 109-111, S. 126-127 und
S. 167-170; und James J. Barnes und Patience P. Barnes, Hitler's "Mein Kampf" in Britain and America: A
Publishing History 1930-39 (Cambridge: Cambridge
University Press, 1980).
Vgl. Lange (wie Anm. 31), S.
30-31.
Vgl. Maser (wie Anm. 31), S.
26-29.
Vgl. auch Cornelius Schnauber, Wie
Hitler sprach und schrieb. Zur Psychologie und Prosodik
der faschistischen Rhetorik (Frankfurt:
Athenäum, 1972).
Auch in seinen Reden (so am 27.
Januar 1932, am 10. Februar 1933 und am 6. Oktober 1939)
hat Hitler gerade diese Redensart mit Bezug auf seine
Rassenideologie verwendet; vgl. dazu Domarus (wie Anm.
7), Bd. 1, S. 86 und 205; Bd. 2, S. 1389. Vgl. auch die
weitere Verwendung dieser Formel in Mein Kampf:
"[...] in einer Zeit [vor dem Ersten
Weltkrieg], da das Reich sich wohl für Kolonien
interessierte, aber nicht für das eigene Fleisch und
Blut vor seinen Türen" (9).
Der von Hitler oft verwendete
Sperrdruck zur Hervorhebung eines Wortes, Satzes oder
Abschnittes wird hier durch Kursivschrift
wiedergegeben.
[
Vgl. hierzu Joseph Wulf, Presse
und Funk im Dritten Reich. Eine Dokumentation (Gütersloh: Sigbert Mohn, 1964).
Vgl. auch die antisemitische
Verwendung dieser Redensart in der Rede vom 24. Februar
1943, worin Hitler von der "Ausrottung des Judentums in
Europa" spricht und behauptet, daß dem "ganzen
deutschen Volk [...] das Wesen des Judentums mit
einem Schlage" vermittelt worden ist; zitiert aus Domarus
(wie Anm. 7), Bd. 2, S. 1992.
Zitiert aus Ulrich Ulonska, Suggestion der Glaubwürdigkeit. Untersuchungen zu
Hitlers rhetorischer Selbstdarstellung zwischen 1920 und
1933 (Ammersbek bei Hamburg: Verlag an der Lottbek,
1990), S. 87. Vgl. auch H. Epping, Die NS-Rhetorik als
politisches Führungsmittel (Diss. Münster,
1954).
Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S.
2161.
Ebenda, Bd. 2 , S. 2163.
Ebenda, Bd. 2, S. 2185. Vgl. auch
Wolfgang Mieder, "'Sein oder Nichtsein' - und kein Ende:
Zum Weiterleben des Hamlet Zitats in unserer Zeit," in W.
Mieder, Sprichwort, Redensart, Zitat: Tradierte
Formelsprache in der Moderne (Bern: Peter Lang,
1985), S. 125-130.
Hitler benutzt die Redensart "auf der
Hand liegen" recht oft, um damit eine angebliche
Selbstverständlichkeit auszudrücken. Vgl. in Mein Kampf auch S. 342, 451, 471, 626.
Zu Luthers Sprichwörtergebrauch
vgl. u.a. J.A. Heuseler, Luthers Sprichwörter aus
seinen Schriften gesammelt (Leipzig: Johann Barth,
1824; Nachdruck Walluf: Sändig, 1973); James C.
Cornette, Proverbs and Proverbial Expressions in the
German Works of Luther (Diss. University of North
Carolina, 1942); Dietz-Rüdiger Moser, "'Die wellt
wil meister klueglin bleiben ...': Martin Luther und das
deutsche Sprichwort," Muttersprache, 90 (1980),
151-166; und Berthold Weckmann, "Sprichwort und Redensart
in der Lutherbibel," Archiv für das Studium der
neueren Sprachen und Literaturen, 221 (1984),
19-42.
Vgl. in Mein Kampf S. 170,
269, 284, 559, 565, 567.
Vgl. Büchmann (wie Anm. 18), S.
649.
Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 533.
Vgl. zu der "Sportsprache" im Nationalsozialismus auch
Berning (wie Anm. 9), 18 (1962), 108-111; und Bork (wie
Anm. 8), S. 16-17.
Für weitere Beispiele aus der
Bibel vgl. "das tägliche Brot" (S. 17, 168), "im
Schweiße seines Angesichts" (S. 83), "das goldene
Kalb" (S. 140), "Laß die linke Hand nicht wissen,
was die Rechte gibt" (S. 343) usw. Zum biblischen
Sprichwortgut überhaupt vgl. Carl Schulze, Die
biblischen Sprichwörter der deutschen Sprache,
hrsg. und eingeleitet von Wolfgang Mieder
(Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1860;
Nachdruck Bern: Peter Lang, 1987). Vgl. ebenfalls noch
Manfred Ach und Clemens Pentrop, Hitlers "Religion":
Pseudoreligiöse Elemente im nationalsozialistischen
Sprachgebrauch (München: Arbeitsgemeinschaft
für Religions-- und Weltanschauungsfragen,
1977).
Vgl. auch die Charakterisierung
Hitlers als "Vogel Strauß" in Domarus (wie Anm. 7),
Bd. 2, S. 1335.
Zuerst erschienen am 27. Mai 1932 im Berliner Börsen-Courier; dann wieder
abgedruckt in Herbert Jhering, Der Kampf um das
Theater und andere Streitschriften 1918-1933, hrsg.
von Ludwig Hoffmann (Berlin: Aufbau-Verlag, 1974), S.
58-64. Jetzt auch in Wolfgang Mieder, Deutsche
Sprichwörter und Redensarten (Stuttgart: Reclam,
1979), S. 134-140 (hier S. 139).
Zitiert aus Hitlers Zweites Buch.
Ein Dokument aus dem Jahr 1928, hrsg. von Gerhard L.
Weinberg (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1961), S.
137. Dieses Manuskript von Hitler ist nicht so
sprichwortreich wie Mein Kampf - wohl auch deshalb
nicht, weil es sich dabei um eine weniger
kämpferische und propagandistische als theoretische
Schrift handelt. Vgl. aber die Sprichwörter und
Redensarten auf S. 137, 138, 140, 141, 162, 170, 171,
172, 174, 189, 205. Das Sprichwort "Kleider machen Leute"
hat Hitler vorher schon in Mein Kampf verwendet,
wo er sich gegen die saloppe Kleidung der Jugend
ausspricht: "Es ist ein wahrer Jammer, sehen zu
müssen, wie auch unsere Jugend bereits einem
Modesinn unterworfen ist, der so recht mithilft, den Sinn
des alten Spruches: "Kleider machen Leute", in einen
verderblichen umzukehren" (457).
Ebenda, S. 141. Vgl. auch dieselbe
Redensart auf der vorhergehenden Seite (S. 140).
Ebenda, S. 162.
Vgl. die beiden Reden vom 12.
September 1938 und 19. September 1939 in Domarus (wie
Anm. 7), Bd. 1, S. 899 und Bd. 2, S. 1358.
Vgl. auch noch Hitlers weitere
Verwendung dieses Zitats in einer Rede vom 6. April 1938:
"Ich sehe in Herrn Schuschnigg eine jener Kräfte,
die selbst Böses schaffen wollen, aber im Walten der
Vorsehung bestimmt sind, doch am Ende zum Guten zu
wirken". Zitiert aus Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 846.
Von allgemeinem Interesse ist auch die Studie Beschädigtes Erbe. Beiträge zur
Klassikerrezeption in finsterer Zeit, hrsg. von Horst
Claussen und Norbert Oellers (Bonn: Bouvier,
1984).
Vgl. dazu Ruth Römer, Sprachwissenschaft und Rassenideologie in
Deutschland (München: Fink, 1985).
Vgl. auch Ernst Hiemers
antisemitische Sprichwörtersammlung Der Jude im
Sprichwort der Völker (Nürnberg: Der
Stürmer, 1942), der seinem rassistischen Buch doch
tatsächlich u.a. auch ein Kapitel mit dem Titel
"Meister der Lüge" (S. 41-47) beifügt, worin er
an Hand von volkstümlichen und angeblichen
(erfundenen) Sprichwörtern beweisen will, wie
verlogen Juden sind. Näheres zur antisemitischen
Sprichwörterkunde bei Mieder (wie Anm. 23), bes. S.
194-203.
Vgl. Manfred Pechau, Nationalsozialismus und deutsche Sprache (Diss.
Greifswald, 1934; Greifswald: Hans Adler, 1935), S.
65-73. Vgl. jedoch die aufschlußreichen Studien von
Dolf Sternberger, Gerhard Storz und W.E. Süskind, Aus dem Wörterbuch des Unmenschen (Hamburg:
Claassen, 1957), Joseph Wulf, Aus dem Lexikon der
Mörder. "Sonderbehandlung" und verwandte Worte in
nationalsozialistischen Dokumenten (Gütersloh:
Sigbert Mohn, 1963); und Hans Winterfeldt, "Elemente der
Brutalität im nationalsozialistischen
Sprachgebrauch," Muttersprache, 75 (1965),
231-236.
Vgl. Karl Müller, Unseres
Führers Sprachkunst auf Grund seines Werkes "Mein
Kampf" (Dresden: ohne Verlagsangabe, 1935).
Vgl. Karl Friedrich Wilhelm Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 5 Bde.
(Leipzig: F.A. Brockhaus, 1867-1880; Nachdruck Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1964), Bd. 3 (1873),
Sp. 1517 (Recht), Nr. 9.
Vgl. auch die Verwendung dieser
Redensart in Hitlers Rede vom 30. September 1942 in
Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 1922.
Vgl. L.A. Morozova, "Upotreblenie
V.I. Leninym poslovits," Russkaia Rech', ohne
Bandnummer, Heft 2 (1979), 10-14; und Edd Miller und
Jesse J. Villarreal, "The Use of Clichés by Four
Contemporary Speakers [Winston Churchill, Anthony
Eden, Franklin D. Roosevelt und Henry Wallace]," Quarterly Journal of Speech, 31 (1945), 151-155.
Der Sprichwörtergebrauch von Willy Brandt und Ronald
Reagan beruht auf meinen eigenen Beobachtungen.
Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S.
607.
Klemperer (wie Anm. 5), S. 236. Vgl.
auch noch seine spätere Aussage "Vox populi -
immer wieder die Frage des Miterlebenden, welche von den
vielen Stimmen die entscheidende sein wird!" (S. 248). Zu
dem Sprichwort "Vox populi, vox Dei" ganz allgemein vgl.
G. Boas, Vox Populi: Essays in the History of an
Idea (Baltimore/Maryland: Johns Hopkins University
Press, 1969), bes. S. 3-38.
Vgl. dazu Friedrich Seiler, Deutsche Sprichwörterkunde (München:
C.H. Beck, 1922; Nachdruck 1967), S. 3; und Lutz
Röhrich und Wolfgang Mieder, Sprichwort (Stuttgart: Metzler, 1977), S. 2 und 81.
Ebenda, Bd. 4 (1876), Sp. 1465
(Unmöglich), Nr. 1; und Bd. 5 (1880), Sp. 1313
(Gehen), Nr. 493.
Vgl. hierzu Hitlers Aussage in seiner
Rede vom 1. März 1935: "Der Glaube kann Berge
versetzen, der Glaube kann auch Völker befreien. Der
Glaube kann Nationen stärken und wieder
emporführen, und mögen sie noch so
gedemütigt gewesen sein". Zitiert aus Domarus (wie
Anm. 7), Bd. 1, S. 487.
Ebenda, Bd. 3 (1873), Sp. 1528-1529
(Recht), Nr. 203.
Ebenda, Bd. 3 (1873), Sp. 306
(Macht), Nr. 18.
Vgl. dazu Wolfgang Mieder, Das
Sprichwort in unserer Zeit (Frauenfeld: Huber, 1975),
S. 82-84.
Hitler hatte auch eine Vorliebe
für das aus Schillers Drama Die Verschwörung
des Fiesco zu Genua zum Sprichwort gewordene Zitat
"Der Mohr hat seine Schuldigkeit (Arbeit) getan, der Mohr
kann gehen". Vgl. dazu in Mein Kampf (S. 322) und
die beiden Reden vom 3O. Januar 1941 und 4. Mai 1941 in
Domarus (wie Anm. 7), Bd. 2, S. 1659 und 1707.
Burke (wie Anm. 31), S. 24.
Domarus (wie Anm. 7), Bd. 1, S. 609.
Auch als "geflügeltes Wort in Büchmann (wie
Anm. 18), S. 645.
Bei Schiller heißt es
bekanntlich genauer "Wir sind ein Volk und einig wollen
wir handeln". Zur neueren Verwendung dieses Zitats in
bezug auf die Wiedervereinigung vgl. Ulla Fix, "Der
Wandel der Muster - Der Wandel im Umgang mit den Mustern.
Kommunikationskultur im institutionellen Sprachgebrauch
der DDR am Beispiel von Losungen," Deutsche
Sprache, ohne Bandnummer, Heft 4 (1990), 332-347; und
Hans-Manfred Militz, "Das Antisprichwort als semantische
Variante eines sprichwörtlichen Textes," Proverbium, 8 (1991), 107-111.
Vgl. dazu Irene Meichsner, Die
Logik von Gemeinplätzen. Vorgeführt an
Steuermannstopos und Schiffsmetapher (Bonn: Bouvier,
1983); und Wolfgang Mieder, "'Wir sitzen alle in einem
Boot': Herkunft, Geschichte und Verwendung einer neueren
deutschen Redensart," Muttersprache, 100 (1990),
18-37.
Hitler spricht in diesem Zitat von
der Bündnispolitik Österreichs und konnte
selbstverständlich nicht voraussehen, daß er
selbst als furchtbarste Inkarnation des
"Rattenfängers von Hameln" in die Geschichte
eingehen würde. Vgl. dazu die zahlreichen
schriftstellerischen und karikaturistischen
Interpretationen von Hitler als Rattenfänger in
Wolfgang Mieder, "Der Rattenfänger von Hameln in der
modernen Literatur, Karikatur und Werbung," Muttersprache, 95 (1984-1985),
127-150.
Wolfgang Mieder
Department of German and Russian
University of Vermont
Burlington, Vermont 05405
USA