Liste der Interpretationen von
Franz Weinitz (1915)
Einführende Bemerkungen
Franz Weinitz schreibt, die Museumsleitung hätte eine kleine Tafel neben
dem Gemälde angebracht, auf dem 42 Deutungen aufgelistet seien. Er sagt
aber nicht, daß er sich bei seinen Deutungen auf diese Tafel bezieht.
Selber nennt er auch nur in loser Reihenfolge knapp über 20
Interpretationen, nicht numeriert und nur in deutscher Sprache.
Ich gebe seine Deutungen hier wieder, da er auch Verweise auf Sprichwörter
macht, die in späteren Publikationen nicht wieder aufgestellt werden.
Erklärende Erläuterungen von Weinitz werden hier gleich nach der
Deutung in kursiver Schrift wiedergegeben.
Eine Numerierung fehlt bei Weinitz, die Nummern in runden Klammern sind zur
eindeutigen Kennzeichnung von mir hinzugefügt.
Literaturnachweis
Franz Weinitz (1915): Die "Niederländischen Sprichwörter" des Pieter
Bruegel des Älteren im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin. Zeitschrift
des Vereins für Volkskunde, 25, S.292-299.
Eine schwarz-weiß Abbildung
des Gemäldes ist beigefügt.
(1.) Mit dem Kopfe gegen die Wand rennen.
(2.) Der Katze die Schelle anhängen.
(3.) Rosen vor die Säue werfen.
Dann könnte er ebensogut Perlen nehmen.
(4.) Viel Geschrei und wenig Wolle.
Veel geschreeuw maar weinig wol, zei de drommel (Teufel), en hij schoor zijne
varkens.
(5.) Man schüttet den Brunnen zu, wenn das Kind
(Kalb) ertrunken ist.
(6.) Ein Knochen und zwei Hunde geben keine ruhige
Stunde.
(7.) Den Aal beim Schwanze fassen.
(8.) Sein Geld ins Wasser werfen.
(9.) Vom Ochsen auf den Esel kommen.
Hij springt van den os op den ezel.
(10.) Den Mantel nach dem Winde hängen.
Hier soll nur der Anfang des ganzen Vorganges "in ganz eigener Art"
wiedergegeben sein.
(11.) Ja, es lassen sich gut breite Riemen aus anderer
Leut' Häuten schneiden!
(12.) Sich zwischen zwei Stühle setzen.
Tusschen twee stoelen valt de aars op de aarde.
(13.) Durch die Finger sehen.
(14.) Bewirtet werden, wie der Fuchs beim Reiher.
Oder soll es ein Kranich sein?
(15.) Fladen (Kuchen) wachsen auf dem Dache.
(15a.) In Luilekkerland (Schlaraffenland) zijn de
huizen met pannekoeken gedekt, en met worsten ingeregen.
Nach Harrebomée.
(16.) Jemand einen strohenen Bart flechten.
Wenn du die Sach besiehest recht, so ist's ein strohern Bartgeflecht.
Franz.: Faire barbe de paille à Dieu.
Nach Wander. Bedeutung: Jemanden täuschen, einem etwas aufbinden.
(17.) Durch den Korb fallen.
Nach Wander: Bedeutung: Wollte eine Schöne, die gerade übler
Laune war, ihrem Liebhaber einen Denkzettel geben oder einen Schabernack
spielen, so wurde ein gebrechlicher, schon dazu vorbereiteter Korb hinabgelassen,
durch den der arme Getäuschte auf halbem Wege durchbrechen
mußte.
(18.) Eine lange Nase machen.
(19.) Es ist nicht gut in der einen Hand Feuer und
in der anderen Wasser zu tragen.
Franz.: Souffler le chaud et le froid.
Ein unsicherer, wetterwendischer Mensch sein.
(20.) Myns naesten welderen myn herte pynt: Ick en
mach niet lyden dat de sonne int waeter schynt.
Meines Nächsten Wohlergehen schmerzt mein Herz - Ich kann nicht leiden,
dass die Sonne ins Wasser scheint.
Franz.: De mon prochain l'eclat peine mon coeur: Je ne puis souffrir que
le soleil luise sur l'eau.
Altflämisches Verschen.
(21.) Pfeilerbeißer.
Ein heuchlerischer Kirchgänger.
(22.) Als de eene blinde den andere leidt, valle ze
beide in de gracht.
Ungeklärt: Neugieriger Bäckergeselle rechts unten, der durch
die Spalte seines Tisches auf das geheimnisvolle Treiben eines darunter
steckenden Menschen blickt.
Abschließende Bemerkungen
In seinem Artikel bespricht Fritz Weinitz noch drei weitere Bilder des Bruegel.
Es handelt sich auch um das Werk "Zwölf vlämische Sprichwörter".
Es ist verwunderlich, daß er seiner obigen Liste nicht die hier
eingeordneten Interpretationen beigefügt hat, obwohl sie im Bild doch
auftauchen. Es handelt sich um:
(23.) Hinter dem Netz fischen.
(24.) Seinen Kopf unter dem Mantelkragen verbergen.
(25.) Den Mond anpissen.
(Bildunterschrift: Wat ick vervolghe en geraecke daer niet aen - Ick pisse
altyt tegen de maen.
Was ich auch unternehme, ich komme nicht zum Ziel: Ich pisse immer den Mond
an.)
(26.) Dem Mann einen blauen Mantel umhängen.
(Bildunterschrift: Ick stoppe my onder een blav hvycke - Meer worde ick bekent
hoe ick meer dvycke.
Ich stecke mich unter einen blauen Mantel - Je mehr ich mich verstecke, um
so mehr werde ich erkannt.)
Den Trunkenbold aus dem Reigen der 12 flämischen Sprichwörter hat
Bruegel in den holländischen Sprichwörtern offenbar nicht verwendet.
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