Liste der Interpretationen von
Max Seidel & Roger-H. Marijnissen (1969)
Einführende Bemerkungen
Seidel & Marijnissen schreiben, daß ihre Liste die Zusammenfassungen
der von Jan Grauls und Louis Lebeer veröffentlichten Deutungen
enthält. Sie geben ihre Interpretationen in "modernem holländisch"
und einer möglichst wortgetreuen Übersetzung ins Deutsche wieder,
versehen mit einer Vielzahl von Anmerkungen über die Bedeutung der
angegebenen Ausdrücke. Sie betonen, daß Jan Grauls bereits
feststellte, daß es nicht richtig sei, "das vorliegende Bild mit
Harrebomées Buch [...] in der Hand erläutern zu wollen, da es
sich bei diesem Werk um eine im 19. Jahrhundert zusammengestellte Sammlung
handelt" (Seidel & Marijnissen, 1969, S.38).
Sie kommen auf insgesamt 85 Nummern, wobei sie die Nr. 79 ungedeutet lassen.
Auf einer schwarz-weiß Tafel sind diese Nummern eingezeichnet.
Tatsächlich aber nennen sie 19 weitere Interpretationen, insgesamt also
103 Sprichwörter und sprichwörtliche Redewendungen. Sie erläutern
vorbildlich die gefundenen Sprichwörter und sprichwörtlichen
Redensarten. Auch machen sie an den entsprechenden Stellen darauf aufmerksam,
daß gewisse Szenen bisher noch nicht oder nur unbefriedigend erklärt
wurden.
Die Nummern, die mit einem "A" oder "B" versehen sind, wurden von Seidel
& Marijnissen so bezeichnet. Sie verweisen meist auf die mehrfache
Interpretation einer Szene, d.h. es wird angenommen, Bruegel habe hier mehrere
Sprichwörter oder sprichwörtliche Redensarten in einer Darstellung
ausgedrückt. Die in Klammern hinzugefügten "(a)" oder "(b)" stammen
von mir. In den Fällen, daß unter einer Nummer mehrere Deutungen
zu finden sind, dienen sie der eindeutigen Kennzeichnung. Sie verweisen meist
auf verschiedene Interpretationen derselben Szene, d.h. es ist unsicher,
welchen Ausdruck Bruegel darstellte.
Literaturnachweis
Max Seidel & Roger-H. Marijnissen (1969): Bruegel. Stuttgart: Chr. Belser,
S.38-43.
Das Werk ist reichlich bebildert. 224 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen
der Gemälde Bruegels sind zu finden, darunter eine
Schwarzweiß-Abbildung dieses Gemäldes (S.89), 10
Ausschnittsvergrößerungen (davon 2 farbig) (S.88-101) und eine numerierte Skizze
des Gemäldes (S.39).
Sie ist gehässig und zänkisch, ein Mannweib, eine regelrechte
Furie.
(In der Nähe der Gruppe befindet sich ein Gegenstand, der einer
Klistierspritze gleicht. Seine Bedeutung ist nicht geklärt.)
Ein Heuchler, Frömmler, Bigotter, Mucker.
(Die Bedeutung des Hutes auf dem Pfeiler ist unklar.)
Sie trägt auf beiden Schultern, sie ist doppelzüngig. Wahrscheinlich
bezeichnete diese Redensart auch inkonsequentes Verhalten.
Sein Geld nutzlos ausgeben.
Es läuft nicht alles nach Wunsch, man zeigt ihm die kalte Schulter.
Die Suppe auslöffeln müssen; für den Schaden aufkommen
müssen.
Man muß die Folgen seiner Fehler selbst austragen.
Weil er sich nicht entschließen konnte, hat er die Gelegenheit
verpaßt.
Nichts zu essen finden; das Nachsehen haben; die Schüssel leer finden;
den letzten beißen die Hunde, da liegt der Hund begraben.
Der Wirt paßt nicht auf, dadurch entsteht
Mißwirtschaft.
(Ist mit dem umgekehrten Trichter auf dem Faß ein Sprichwort angespielt?
Haben die Ferkel eine bestimmte Bedeutung?)
Mit dem Kopf durch die Wand wollen; jähzornig etwas Unmögliches
versuchen; eine schlimme Abfuhr erleiden.
(Befriedigende Erklärungen fehlen bis jetzt für die Kleidung der
Gestalt, den nackten linken und den beschuhten rechten Fuß, das große
Messer.)
Der Mann ist in "Harnisch" gebracht; aufgebracht, zornig sein.
Der eine lebt im Überfluß, der andere in Not.
Eine schwierige Arbeit anfangen; die Kastanien aus dem Feuer holen; mutig
sein.
(Keine Erklärung.)
In diesem Geschäft wird der Kunde gründlich übers Ohr
gehauen.
Immer über dasselbe nölen; sich Gedanken machen.
Zwei Bedeutungen: 1. der Topfgucker, der Tölpel, die gute Haut, der
Gutmütige; 2. ein Schürzenjäger.
Er ist doppelzüngig, hinterlistig.
Er faulenzt, er verbringt seine Zeit mit unnützen oder
überflüssigen Dingen.
Jedermann schmeicheln, um Hilfe oder Unterstützung zu bekommen.
Einem Feind oder Gegner vertrauliche Mitteilungen machen.
Der Zuträger.
Jemandem etwas (böses) einflüstern.
Es handelt sich um zwei Klatschbasen. Die Redensart bedeutet auch: eine
Arbeit beenden, die ein anderer begonnen hat.
Sei auf der Hut, die Sache könnte schiefgehen. Das Erscheinen eines
schwarzen Hundes galt als böses Omen.
Sie betrügt ihren Mann; sie setzt ihm Hörner auf.
Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, deckt man ihn zu.
(Folgende Einzelheiten sind noch nicht befriedigend erklärt: Die Gestalt
hat einen nackten linken Fuß und trägt einen Schuh am rechten;
das linke Bein ist unbedeckt, am rechten Bein trägt sie eine Gamasche
oder ein orthopädisches Gestell.)
Perlen vor die Säue werfen; jemanden etwas schenken, der die Gabe
nicht zu würdigen weiß.
Zwei Bedeutungen: 1. Er sticht das Schwein ab; er regelt eine strittige
Angelegenheit; er stürzt sich unerschrocken in die Sache; 2. es ist
ein abgekartetes Spiel; die Sache ist von vornherein entschieden.
Sie reißen sich um denselben Gegenstand oder verbeißen sich
in dieselbe Sache. Sie streiten (oder werden bald streiten).
Sie haben sich bei dem Geschäft beide übers Ohr hauen lassen;
wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.
(Die Redensart oder das Sprichwort, das in dieser Szene dargestellt ist,
konnte noch nicht eindeutig identifiziert werden. Diese Möglichkeiten
[28A - 28C] wurden angeboten.)
Er ist entmutigt, er ist am Ende.
Was gelingen soll, muß man sorgfältig tun.
Alles tanzt nach seiner Pfeife. Die Welt dreht sich 'ums Däumchen'
all derer, die ein leichtfertiges Leben führen.
Knüppel zwischen die Beide werfen.
Einen Fehler oder eine Dummheit kann man nie ganz wiedergutmachen.
Er sucht einen Vorwand oder eine Ausflucht.
Er kommt mit seinem Geld nicht aus, er kann nicht einteilen.
(Zum Teigschaber: Hat er eine Beziehung zu irgendeiner Redensart?)
Sie fechten einen Machtkampf aus. Jeder sucht seinen Vorteil.
Die Szene läßt sich mit der Zeichnung 'Elck' vergleichen.
(Keine Erklärung.)
Er versucht, das Maul weiter aufzureißen als eine Ofenklappe. Er
überschätzt seine Fähigkeiten, er legt sich mit einem
Stärkeren an.
Durch frommes Gebaren zu betrügen versuchen; heuchlerisch sein.
Wer einen anderen einer bösen Tat verdächtigt, hat sie vermutlich
auch schon selbst begangen.
Sich mit dem Schlechteren begnügen, eine unverständliche Wahl
treffen.
Durchfallen, scheitern; einen Korb (ohne Boden) bekommen.
(Das linke Bein der Figur scheint sauber zu sein, das rechte ist schmutzig.
Das Sprichwort 'witte voeten hebben' ('weiße Füße haben')
bedeutete, gut angeschrieben sein.)
Sehr eilig oder unruhig sein.
Das Gegenteil dessen, was sein sollte.
Er verachtet die Welt.
(Die Bedeutung der umgehängten Jagdtasche ist nicht geklärt.)
Sie betrügen sich gegenseitig.
Unkorrekt im Beruf sein; auf unehrliche Weise Gewinn machen.
Nicht alles auf einmal ausgeben; einen Notgroschen zurückbehalten.
Er steckt mit jemandem unter einer Decke (wegen einer Betrügerei,
eines Unrechts oder eines Vergehens).
(Was bedeutet der herabhängende Dolch? Das Paar Holzschuhe am Fenstersims
ist ebenfalls nicht zufriedenstellend erklärt.)
Illegitime Verbindungen gab es häufig, obwohl sie mißbilligt
wurden.
Ein Fest feiern.
Es herrscht Überfluß; man lebt dort faul wie im
Schlaraffenland.
Etwas Unmögliches vorhaben.
Sein Unternehmen ist fehlgeschlagen.
(Um Wangen und Ohren ist eine Binde geschlungen, als habe er Zahnschmerzen.
Vielleicht: Er lacht gequält.)
Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Gleichgesinnte, Unzertrennliche.
(Was bedeutet der aus dem Dachfenster herausragende Zweig?)
Jemanden über den Löffel barbieren; sich über jemanden
lustig machen.
Die Gelegenheit verpassen; das Nachsehen haben.
Sich den Hintern an der Tür putzen. - Sich über alles hinwegsetzen;
sich nichts draus machen.
Er hat kein gutes Gewissen; er macht sich Vorwürfe.
1. Der wahnsinnig Verliebte, 2. Der abgeblitzte Liebhaber besieht die
Tür von außen.
1. Vom Überfluß in Not geraten; schlechte Geschäfte machen;
2. ungereimtes Zeug daherreden; unbeständig oder launenhaft sein.
58. Hij speelt op de kaak.
Er spielt auf dem Pranger (oder auf dem Kinnbacken).
Er eignet sich fremdes Gut an. Es herrscht Mißwirtschaft.
Alle Waffen einsetzen, bis man wehrlos ist; keine Gegengründe mehr
wissen; alles vergeblich versucht haben.
Nicht nachlassen; beharrlich sein.
Eine Warnung vor mangelnder Aufsicht.
(Keine Erklärung.)
Rasch und leicht aus Eigennutz die Meinung wechseln.
Ein Loch in die Luft gucken, Maulaffen feilhalten, Nichtstun.
64(b). Hij want koren in de
wind.
Er worfelt Korn in den Wind.
Das Pferd am Schwanz aufzäumen; eine Arbeit unüberlegt
durchführen; planlos arbeiten.
(Keine Erklärung.)
Heute sagt man: "Een bliekske smijten om een snoek te vangen", "Eine Sprotte
werfen, um einen Hecht zu fangen". Mit der Wurst nach der Speckseite
werfen.
Er neidet anderen ihr Wohlergehen oder ihren Erfolg.
(Was bedeutet der auf dem Wasser schwimmende Hut?)
(Hat die Haube der Person eine bestimmte Bedeutung?)
Eine schwierige Sache betreiben, die wahrscheinlich bald mißlingen
wird.
Anderer Leute Geld ausgeben, ist leicht.
(Keine Erklärung.)
Heute sagt man auch: "Zijn kap over de haag smijten", "Seinen Mantel
über die Hecke werfen". Etwas aufstecken; seinen Beruf an den Nagel
hängen.
Das Geld zum Fenster hinauswerfen, verschleudern.
Sie sind unzertrennlich.
Einen doppelten Zweck auf einmal erreichen.
Auch dem Unglück noch eine gute Seite abgewinnen.
Er ist ein eingefleischter Egoist.
Er setzt für einen winzigen Vorteil alles aufs Spiel.
Einer unzugänglich Schönen den Hof machen; verliebt sein und
seiner Angebeteten zuliebe Beschwernisse auf sich nehmen.
Man soll sich kein X für ein U vormachen lassen; sich keinen Bären
aufbinden lassen.
(Szene noch nicht zufriedenstellend erläutert. Manche meinen, die
Bären (?) erinnerten an einen Nichtstuer, der mit Schulden
überhäuft ist; andere sind der Ansicht, die Tiere sollten ein
musterhaftes Verhalten zwischen Männchen und Weibchen im Tierreich
darstellen - ein Verhalten, das sich Eheleute im Alltagsleben zum Vorbild
nehmen könnten. Eine einleuchtende Beziehung zwischen diesen Bären
und dem Hirt (?) auf der anderen Seite der Hecke ist noch nicht hergestellt.)
Es wird seine Richtigkeit, seinen Grund, haben.
Jeder soll tun, was er vermag.
Aufpassen; sich nichts entgehen lassen, nichts übersehen.
Er fürchtet sich vor keiner Strafe; er ist ein Galgenvogel, der
übel enden wird.
Sie vergessen dabei ganz ihr Alter.
Wenn ein Unwissender die anderen anführt, gibt es ein
Unglück.
Nichts bleibt verborgen, ungesühnt.
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