Liste der Interpretationen von
Wilhelm Fraenger (1923)
Einführende Bemerkungen
Wilhelm Fraenger beruft sich auf Johannes Bolte (1915) bei seinen
Interpretationen der im Gemälde dargestellten Sprichwörter und
sprichwörtlichen Redensarten. Er kennt auch die Arbeit von Louis Maeterlinck
(1903) und die Sprichwörter-Sammlung Harrebomées.
Fraenger untergliedert seine Ausführungen in drei Hauptbereiche: "I.
Der Vordergrund" (unterteilt in "1. Das Bauernhaus", "2. Platz und Straße",
"3. Die Hütte"), "II. Der Mittelgrund" (unterteilt in "1. Der
Brückenturm", "2. Die Bretterbude und der Uferweg") und "III. Der
Hintergrund" (betitelt im Untertitel "Der Bauernhof. Die Meeresküste").
Fraenger schreibt, er erweitere das Register Boltes um 23 Einträge,
so daß seine Auflistung nun 92 Nummern enthalte. Er übernimmt
dabei nicht die Reihenfolge Boltes, da er seine Ausführungen anders
aufteilt. Wenn man davon absieht, daß er in der Schreibweise des
Holländischen von Bolte leicht abweicht, so gibt er dennoch alle von
Bolte übernommenen Sprichwörter ohne Änderung wieder (außer
Nr. 5). Er gibt, anders als Bolte, aber auch eine deutsche Übersetzung
zu fast jedem Sprichwort an. Außerdem führt Fraenger bei seiner
bildreichen und etwas eigenwilligen Beschreibung des Gemäldes einige
Erläuterungen zu der Bedeutung der von ihm interpretierten Ausdrücke
an.
Tatsächlich aber nennt er "nur" 20 weitere Sprichwörter, die nicht
in Boltes Liste enthalten sind. Es sind die folgenden Nummern bei Fraenger:
3, 8, 9, 11, 12, 20, 25, 27, 28, 38, 50, 53, 61, 62, 65, 6, 77, 82, 86, 91.
Natürlich entspricht 92 Items - 69 Nummern von Bolte der Zahl 23, aber
Fraenger vergaß, daß Boltes Liste 4 Einträge ohne eigene
Nummer enthält (Nr. 8a, 10a, 12a, 12b) und daß Bolte eine Nummer
ausläßt: Nr. 64. Alles zusammen ergibt dies tatsächlich "nur"
20 neue Einträge.
Neben seinen 92 Nummern führt Fraenger 8 zusätzliche Deutungen
an (hier durch ein "(a)" und "(b)" gekennzeichnet), also insgesamt 100
Interpretationen. Er führt zusätzlich 7 Verweise auf verwandte
Sprichwörter an (hier in den Anmerkungen zu finden). Er nennt 4
Sprichwörter nicht, die Bolte nennt. Es sind die Nummern 5(b), 28(b), 47(a), 56(b) bei Bolte.
Der Arbeit de Tolnays (1935) entnehmen wir Korrekturen und Komplettierung
dieser Arbeit von Fraenger. In einer Anmerkung (S.65) schreibt de Tolnay,
daß auf der Grundlage der Arbeit von M. M. Sabbe über ein Bild
L. Fruytiers ("Les proverbs flamands, estampe") diese Änderungen
möglich wurden. Es handelt sich um die Nummern 4, 56, 65, 69, 73, 84
und Boltes Nr. 64, die bei Fraenger keinen Eingang fand, da Bolte keinen
Vorschlag machte und offensichtlich auch Fraenger diese Szene nicht deuten
konnte. Diese Erklärungen von de Tolnay finden Sie mit einem entsprechenden
Verweis gleich nach dem entsprechenden Sprichwort.
Literaturnachweis
Wilhelm Fraenger (1923): Der Bauern-Bruegel und das deutsche Sprichwort.
Erlenbach-Zürich u.a.: Eugen Rentsch.
Fraenger fügt eine schwarz-weiß Kopie
des Gemäldes und 31 Detailaufnahmen aber keine numerierte Skizze
bei. Desweiteren findet man 3 andere Werke Pieter Bruegels und 14 Werke anderer
Künstler abgebildet.
Charles de Tolnay (1935): Pierre Bruegel l'Ancien. Bruxelles: Nouvelle
Société d'Editions. Band 1: Texte; Band 2: Drucke.
I Vordergrund
1) Das Bauernhaus
Herberge zur verkehrten Welt
Sie hat ein schmatzend pralles Mondgesicht, er glotzt ochsig. Für
Fraenger ist dies ein "endgültiger Inbegriff von Stallknecht und
Kuhmagd".
Er schreibt: "Im Deutschen scheint das allerbekannte Wort: 'Unterm Besen
getraut' den Sinn der Szene bündig zu erklären."
"Doch scheint mir diese eine Redensart die Szene noch nicht zu erschöpfen"
(Fraenger, 1923, S.142).
De Tolnay: "Dese siet door de vingeren".
Ungeklärt: 1. zwei Holzpantoffeln, 2. das auffällig angebrachte
Messer. Er weiß es aber nicht zu deuten.
Zusätzlich: Er soll ein Ei auf der Spitze der Kappe haben.
Vgl. Wander IV, 148 "Scherenauge".
Für ehedem: "Mondlöscher".
Nicht Bolte, der schreibt: "Den gek (d.h. den Narren) scheren."
Er bevorzugt die zweite Deutung, denn die "Tolle Grete" habe die Phantasie
Bruegels sehr beschäftigt.
Er schreibt: "Liegt doch der Bratrost auf der Erde".
(Ohne holländische Übersetzung.)
Bedeutung: "Jeder muß seine Haut zu Markte tragen". Beleg: "Sibi
quisque peccat". Vgl. auch die Allegorie IRA, der Zorn.
(Ohne deutsche Übersetzung.)
Oder dieses.
(Ohne deutsche Übersetzung.)
Der deutschen Redensart "Jemand in Harnisch bringen" mangelt der anschauliche
Ausdruck überstürzter Hast.
Nicht die Erklärung zur Harlemer Kopie, in der es heißt: "Hij
lat zijn haan koning kraaien." ("Er läßt seinen Hahn König
krähen").
(Ohne holländische Übersetzung.)
Nicht "Dagelijks een draatje geeft een mouw in 't jaar" ("Täglich
ein Fädchen gibt einen Armvoll im Jahr"), die zweite Frau wird dabei
vernachlässigt.
Außerdem: "Ob auch dem lahmen Hund [...] Bedeutung zukommt, ist noch
nicht ermittelt".
Genauer Thomas Murner: "Dem tüfel zwey licht anzinden."
2) Platz und Straße
Er schreibt, der Mann stehe da 'in aller Eitelkeit der Modetracht'.
Siehe Thomas Murners "Narrenbeschwörung": "Wer understat mit Gott
zu rechten Und im ein stroen bart wil flechten, Darzu mit im trybt affen
spil, Wer weiß, wie lang ers lyden wil?"
Bedeutung: Einen Mann zum Hahnrei machen. Fraenger merkt noch an, daß
der Mann alterslahm sei.
(Ohne deutsche Übersetzung.)
Oder wörtlich dieses.
Oder dieses.
3) Die Hütte
Er schreibt: "Er gähnt mit dem Ofen um die Wette". Bedeutung: Er
kämpft vergebens gegen einen Stärkeren.
De Tolnay: "Dese en can van deen broot aen dander met[1] geraken".
Ungeklärt: Schäufelchen vor seiner Nase.
Die spielen das "Steygerspiel" oder "Strebekatze" oder "jeu de pannoye"
nach Bolte.
Wahrscheinlich ist hier ein Wortspiel absichtlich mit eingeflossen: Krakeling
= Brezel, Krakeeling = Zänkerei.
"In einem finstern Hüttenwinkel fällt ein heller Schein, der
als das Licht des Evangeliums zu deuten ist."
(Ohne holländische Übersetzung.)
II Der Mittelgrund
1) Der Brückenturm
Oft interpretiert als "Der Spielmann ist auf dem Dach." (De speelman is
op het dak.), in der Bedeutung: "Ihm hängt der Himmel voll Baßgeigen."
Aber diese Interpretation ist falsch. Er schreibt: Der Spielmann sitzt im
Turmgehäuse = Pranger.
De Tolnay: "Dese veght sy gat aen de poort".
Bedeutung: verarmt davongehen.
(Ohne deutsche Übersetzung.)
De Tolnay: "Dese is geepyut om dat de son int water schyt". [3]
Ungeklärt: Der auf dem Wasser schwimmende Hut.
(Ohne deutsche Übersetzung.)
Sinn ist noch nicht geklärt. Boltes Erklärung befriedigt nicht,
denn der Vogel fliegt davon. In der Harlemer Erklärung heißt es:
"De vogel ist geflogen", doch Fraenger ist diese Bedeutung zu "farblos".
De Tolnay: "Sie guckt nach dem Storch".
2. Die Bretterbude und der Uferweg
In Bezug zum Sprichwort: "Wer einen Aal faßt bei dem Schwanz, dem
bleibt er weder halb, noch ganz."
Zweite Bedeutung.
Bedeutung: lustig sein, sich's wohl gehen lassen.
III Der Hintergrund
Der Bauernhof. Die Meeresküste
De Tolnay: "Dese en achtes, niet wiens huys dat braut[4], als hij hem mack wermen bij de colen".
Fraenger findet diese Erklärung allerdings "freilich nicht so
überzeugend". Denn vgl.: "Wer sorget, ob die gänß gent
bloß, und fägen will all gaß und stroß, der hat keyn
fryd, ruw uberall." (aus Fischarts Narrenschiff)
Ungeklärt: Nachbar, der einen Hackklotz [6] am Seil hinter sich herzieht. Es ist ein Baumklotz auf der Harlemer Kopie
und de Tolnay interpretiert es nach Grauls als "Bloksleper".
De Tolnay: Es fehlt die Interpretation: "Bloksleeper". Vgl. Jan Grauls:
Onze Taaltuin, 1934, S.111ff.
Fraenger bezweifelt, daß Boltes Vorschlag das Richtige trifft.
Anmerkungen
[1]: "niet"?
[2]: "pap"?
[3]: "schynt"?
[4]: "brant"?
[5]: Eigentlich müßte es "Gänschen"
heißen.
[6]: Es ist ein Schemel.
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