FRANK DETJE

ÜBER DIE KUNST, METAPHERN ZU MISCHEN
Teil II: Aufstellungen der bisherigen Deutungen

1. Chronologische Reihenfolge der publizierten Beiträge, die Deutungen des Bildes "Die holländischen Sprichwörter" enthalten

Die ersten Deutungen des Gemäldes "Die niederländischen Sprichwörter" betrafen Kopien durch seinen Sohn Pieter Brueghel dem Jüngeren, denn das Original war lange nicht zugänglich. Es handelt sich um die Arbeiten von G.P.C. van Breugel (1876), Louis Maeterlinck (1903), Georges Marlier (1969), Hélène Mund (1976) und Jacqueline Folie (1980). Auf diese Arbeiten soll hier nicht weiter eingegangen werden, da nur das Werk des Älteren hier besprochen wird. Freilich aber flossen diese Arbeiten ein in die Deutungsversuche des Gemäldes "Die holländischen Sprichwörter" von Pieter Bruegel dem Älteren, deshalb werden diese Deutungen weiter unten der Vollständigkeit halber ebenfalls angegeben.

Max J. Friedländer (1913-1914) ist der erste, der eine Veröffentlichung des Gemäldes von Pieter Bruegel d.Ä. verfaßte. Er ordnet das Gemälde stilgeschichtlich ein und rühmt den Meister in höchsten Tönen. Er deutet die Darstellungen aber nicht.

Die Leitung des Museums, in dessen Besitz sich das Gemälde nun befindet, bringt noch vor 1914, also gleich nach der Anschaffung des Gemäldes, eine erläuternde Tafel neben dem Bild an, der 42 Deutungen zu entnehmen sind (Weinitz, 1915). Dieses Dokument ist nicht mehr erhalten, wohl aber eines, das aus den 60iger Jahren stammen dürfte (Grosshans, 1996). Auf dieser Tafel werden zu 75 Szenen 82 Sprichwörter und Redensarten angeführt.

Franz Weinitz (1915) bespricht im Kurzen das Gemälde und gibt über zwanzig Deutungsversuche. Die Anfertigung einer ersten Liste von Deutungen ist Johannes Bolte vorbehalten. An dieser Stelle werden seine wenigen Erläuterungen wiedergegeben, da sie Ausdrücke und Verweise enthalten, die späterhin nicht wieder auftauchen. Ob sie der oben genannten Tafel der Museumsleitung entstammen, ist nicht sicher, denn er äußert sich dazu nicht.

Johannes Bolte (1915, Nachschrift zu Franz Weinitz) stützt sich auf die Sammlung P.J. Harrebomées und die Nachweise Louis Maeterlincks und erhält zu 69 Szenen insgesamt 86 Einträge. Es ist die erste veröffentlichte Liste von Deutungen dieses Gemäldes. Er schreibt seine Identifikationen nur auf holländisch.

Wilhelm Fraenger (1923) baut auf Johannes Bolte auf und erweitert ihn um 23 auf 92 Einträge. Er schreibt seine insgesamt 100 Deutungen auf holländisch und deutsch.

Gustav Glück (1932 [1. Auflage], 1934 [2. Auflage], 1936 [3. Auflage], 1937 [4. Auflage], 1951 [5. Auflage], 1953 [6. Auflage]) beruft sich auf Wilhelm Fraenger und wurde von Jan Borms unterstützt. Sie finden ab der vierten Auflage noch mehr Deutungen als Wilhelm Fraenger aber nennen ebenfalls 92 Nummern. Die Interpretationen sind auf deutsch und holländisch wiedergegeben. Die frühere Ausgabe (1937) enthält 138 Deutungen, die spätere (1953) 140.

Das Bruegel Buch (1936, 1941) gibt in der Auflage von 1941 die durch Jan Borms (Scheveningen) überarbeitete ("vermehrte und verbesserte") Liste Wilhelm Fraengers wider. Die 92 Einträge, zuzüglich 25 weiterer Sprichwörter und sprichwörtlicher Redensarten, sind nur auf deutsch geschrieben. Die frühere Auflage von 1936 richtet sich noch nach Fraenger (1923). Die Autoren folgen damit im großen und ganzen Glück (1932), er folgt Fraenger  bzw. Glück (1937), er gibt die Liste Borms wider.

Eilert Pastor (1937, 1941) deutet 82 Szenen in dem Bild und gibt insgesamt 108 Sprichwörter und Redensarten auf deutsch an.

Jan Grauls (1957) ist gegenüber den Deutungen Wilhelm Fraengers und Gustav Glücks skeptisch und stutzt die Liste der Identifikationen auf 85 Nummern zusammen. Hierbei bespricht er insgesamt 101 Sprichwörter und Redensarten und verwirft 51 weitere Redewendungen aus der Arbeit Fraengers, Glücks, Borms. Die Sprichwörter und Erläuterungen sind nur auf holländisch geschrieben.

Franz Roh (1960, 1967) beruft sich auf Fraenger, Glück und Grauls. Er veröffentlicht 93 Interpretationen zu 92 Szenen (wobei er 11 ausläßt) auf deutsch.

Timothy Foote (1968, 1979) bespricht 78 Szenen. Dieser Liste liegt sowohl die englische Ausgabe von 1968 als auch eine deutsche Auflage von 1979 zugrunde.

Max Seidel & Roger-H. Marijnissen (1969) berufen sich auf die kritischen Beiträge Jan Grauls und Louis Lebeers. Sie kommen auf 85 Einträge und schreiben ihre 102 Deutungen auf deutsch. Diesen Deutungen sind sehr viele Erläuterungen über die Bedeutung der Ausdrücke beigefügt.

Roger-H. Marijnissen (1969) gibt die Liste der 85 Szenen mit 96 Identifikationen auf holländisch und französisch wider.

Rainald Großhans (1973) macht keine Angaben über mögliche Vorlagen. Er schreibt seine 141 Deutungen zu 118 Szenen auf deutsch. Seinen Deutungen sind sehr viele Erläuterungen über die Bedeutung der Ausdrücke beigefügt.

Wolfgang Mieder (1979) faßt in einem kleinen Büchlein für Schüler und Studenten die Arbeiten Fraengers, Borms und Grauls kurz zusammen, nur auf deutsch.

Alan Dundes & Claudia A. Stibbe (1981) berufen sich auf fast alle bisher genannten Autoren. Sie nennen 234 Sprichwörter und sprichwörtliche Redewendungen zu 115 beschriebenen Szenen neben vielen weiteren Angaben und schreiben auf holländisch und englisch. Sie gehen bei jeder Deutung auf die bisherige Literatur ausführlich ein. Deshalb findet man in diesem Teil 2 Listen ihrer Deutungen. Als erste die Liste ihrer bevorzugten Deutungen und als zweite die ausführliche Liste ihrer Argumentationen mit den vielen Hinweisen zu Ursprung, Bedeutung und Verwendung der gefundenen Ausdrücke.

János Kass & András Lukácsy (1985) besprechen 104 Deutungen zu 92 Szenen in einer deutschen Übersetzung einer ungarischen Veröffentlichung.

Roger-H. Marijnissen (1988) gibt die Liste der 85 Szenen mit 94 Identifikationen auf holländisch und französisch wider. Die Interpretationen dieser Liste unterscheiden sich kaum von seiner Arbeit von 1969, die Übersetzungen ins Französische weichen aber zum großen Teil ab.

Michael Gibson (1989) bespricht 91 Deutungen und erläutert sie auf englisch.

Michaël Deneweth (1991) bespricht 108 Deutungen auf holländisch und erläutert sie in Versform.

Lutz Röhrich (1992) führt in seinem dreibändigen Werk "Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" viele deutsche Redewendungen auf. Seine Angaben weichen von den bisherigen Deutungen des Bruegel-Gemäldes teilweise ab. Hier werden die 19 Redensarten genannt, die mit einem Ausschnitt aus dem Gemälde bebildert sind.

Der Ravensburger Freizeit- und Promotion-Service (1994) vertreibt ein 3000-Teile Puzzle des Gemäldes. Beigefügt ist ein fünfsprachiges Sprichwörterverzeichnis mit 78 Nummern und insgesamt 256 Sprichwörtern und Redensarten, allerdings ist nicht jedes Sprichwort in alle Sprachen übersetzt.

Pierre Francastel (1995) nennt 92 Deutungen zu 91 Szenen auf französisch aber er erläutert sie nicht.

Yoko Mori (1996) stützt sich hauptsächlich auf die Arbeit von Grauls und übernimmt seine 85 Identifikationen. Sie schreibt auf japanisch, wobei auch die holländische Übersetzung der Sprichwörter und Redensarten angegeben ist. Jeder Redewendung ist bei Mori ein eigenes Kapitel gewidmet.

Das Computerprogramm ATLAS.ti (1998) enthält als Beispieldatei das vorliegende Bild Bruegels mit 78 Nummern und insgesamt 90 Sprichwörtern und Redensarten. Die Sprichwörter und Redensarten sind auf englisch geschrieben, die meisten auch mit einer Erläuterung versehen.

2. Listen der Deutungen

Autor (Jahr)
Szenen
Deutungen
Sprache (Text)
Sprache (Sprichwort)
Erläuterungen
Abbildungen [1]
Interpretationen zum Gemälde von 
Pieter Bruegel der Ältere

Fritz Weinitz (1915)

-

22 (+4)

dt

dt

sehr wenige

c

Johannes Bolte (1915)

69 (-1)

86

dt

holl

wenige

(bei Weinitz)

Wilhelm Fraenger (1923)

92

100

dt

holl / dt

fast 50%

c, h31, i3, j14

Gustav Glück (1932ff)

92 (-1)

138 (140)

dt

dt / holl

über 50%

e, g, i41

Das Bruegel Buch (1936, 1941)

92 (-1)

(79) 117

dt

dt

wenige

e, g, i58

Eilert Pastor (1937, 1941)

87

102

dt

dt

wenige

a, e, i1, j2

Jan Grauls (1957)

85

101 (+51)

holl

holl

vorbildlich

h5, i10, j7

Franz Roh (1960, 1967)

92 (-11)

93

dt

dt

wenige

b, c, h12, j1

Tafel der Museumsleitung (ca. 60er Jahre)

75

82

dt

dt

sehr wenige

d

Horst Weinstock (1966)

75

82

dt

dt

sehr wenige

d, e

Timothy Foote (1968, 1979)

78

 78

dt

dt

fast 50%

d, e, h4, ix, jx

Max Seidel & Roger-H. Marijnissen (1969)

85 (-1)

103

dt

holl / dt

sehr gut

b, c, h10, i>200

Roger-H. Marijnissen (1969)

85 (-1)

96

franz

holl / franz

sehr gut

b, c, h10, i>200

Rainald Grosshans (1973)

118

141

dt

dt

sehr gut

b, e, j2

Wolfgang Mieder (1979)

92 (-11)

93

dt

dt

wenige

b, c, i1, j31

Alan Dundes & Claudia Stibbe (1981)

115

115

eng

holl / eng

vorbildlich

e, g, h4, i3

Alan Dundes & Claudia Stibbe (1981)

115

234

eng

holl / eng

vorbildlich

e, g, h4, i3

János Kass & András Lukácsy (1985)

92 (-2)

104

dt

dt

sehr gut

e, h18

Roger-H. Marijnissen (1988)

85 (-1)

96

franz

holl / franz

sehr gut

b, c, h10, i>200, jx

Michael Gibson (1989)

92

92

eng

eng

über 50%

b, h1, ix

Michaël Deneweth (1991)

108

108

holl

holl

Verse

b, e, k108

Lutz Röhrich (1992)

-

19

dt

dt

-

b, h19

Ravensburger FPS (1994)

78

256

dt, franz, it, eng, holl

dt, franz, it, eng, holl

wenige

b, e

Pierre Francastel (1995)

91

92

franz

franz

keine

b, e, h4, ix, jx

Yoko Mori (1995)

22

28

jap, eng

(jap), eng

ja

c, i14, j16

Yoko Mori (1996)

85

?

jap

(jap), holl

vorbildlich

a, e, hx, ix, jx

ATLAS.ti (1998)

78

90

eng

eng

fast alle

e (Imagemap)

Interpretationen zu Kopien durch 
Pieter Brueghel der Jüngere

Louis Maeterlinck (1903)

75 (-1)

126

holl

holl

viele

c, i1

Georges Marlier (1969)

132 (-8)

141

franz

holl, franz

viele

?

Hélène Mund (1976)

88

94

franz

franz

viele

e, h2, i2

Jacqueline Folie (1980)

100 (-1)

108

franz

franz

sehr wenige

b, c, jx

[1] Zeichenerklärung zur letzten Spalte der Tabelle:

a = schwarz-weiß Skizze, b = diese ist numeriert; c = schwarz-weiß Abbildung, d = diese ist numeriert; e = farbige Abbildung, f = diese ist numeriert; g = eine transparente Folie trägt die Nummern; h = Ausschnittsvergrößerungen des Gemäldes sind vorhanden; i = weitere Bilder von Pieter Bruegel dem Älteren sind abgedruckt; j = Bilder mit sprichwörtlichem Inhalt anderer Künstler sind abgedruckt; k = handgemalte Skizzen der Szenen sind beigefügt; x bzw. Zahl = von den entsprechenden Skizzen oder Abbildungen sind mehrere vorhanden (gegebenenfalls wird die Anzahl genannt).


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