MATTI KUUSI
TIEFENSTRUKTUR UND OBERFLÄCHENSTRUKTUR IN
DER PARÖMIOLOGIE
A Comparative Dictionary of Maltese Proverbs,
compiled by Joseph Aquilina, Professor of Maltese in the
Royal University of Malta (694 S., Malta 1972) gehört
zu den wertvollsten Materialpublikationen, die in unserem
Jahrzehnt bisher veröffentlicht wurden. Das Werk
enthält mehr als 4630 maltesische Sprichwörter in
45 thematischen Gruppen, mit Varianten, Übersetzungen,
Erklärungen und internationalen Parallelen. Aquilina
hat zahlreiche englische, italienische, französische
und lateinische Sprichwortsammlungen benutzt und unter jeder
thematischen Gruppe die lokalen, die europäischen, die
arabischen, die biblischen usw. Sprichwörter
registriert. Obwohl die arabischen Kontakte vor beinahe
einem Jahrtausend unterbrochen sind, gibt es immer noch
einige klare Arabismen in der maltesischen
Sprichworttradition. Doch sind die Lehnsprichwörter
überwiegend europäisch.
Uns interessiert die parömiologische Terminologie des
maltesischer Forschers. In seinert 'Introduction' bringt er
"the different proverbial types" in 34 Unterrubriken und "a
few examples of each type".
1. Proverbial apothegms. "Live and learn."
2. Metaphorical Proverbs. "Strike while the iron is
hot."
3. Proverbs based on Narratives. "When the fox could not
reach high enough, he said: The grapes are sour."
4. Proverbs which originally formed part of a folk
song.
5. Proverbs of individual authors. "Everybody's money is
accepted, except mine, said Skaldi."
6. Translated Proverbs. "The great fish eat up the
small."
7. Biblical Proverbs. "The tongue breaketh bone though
itself it has no bone."
8. Classical Proverbs. "Love is blind."
9. The Content of Proverbs (classification by
subject-matter).
10. Historical Proverbs (produced by certain events). "He
who does not like to work with the Christians will have
to sleep with the slaves."
11. Legal Proverbs. "Those who will not work shall not
eat."
12. Blason Populaire. "The purse of a woman who maries a
Greek gets tight."
13. Weather Proverbs. "When it rains and the sun shines a
Turk is born."
The full text of this
article is published in De
Proverbio - Issue 7:1998 & Issue
8:1998, an
electronic book, available from amazon.com and other leading Internet booksellers.
34. Proverbial Structures (2- 3- 4- 5- 6- 7- and 8-member
structures). The last: "One word brings another; two words
lead on to more words; and words bring quarrels; and
quarreling brings importunities, and importunities bring
murder and murder brings hanging; and in one word, words
came in and threw out peace."
Joseph Aquilina hat seine Terminologie unverändert
von Archer Taylor entliehen (vgl. das Inhaltverzeichnis in
"The Proverb"). Eine Menge Fachausdrücke hat er
ausgeschieden: learned and popular proverbs, maxims, sea
proverbs, archetype, variation, substitution, familiar
quotations, winged words, acclimatization of a proverb,
international mediaeval proverbs, sententious observations,
proverbial stock, learned or semi-learned phrase,
modification of a proverb, proverbial illustration of
superstitions, "never- never" sayings, obsolete proverbs,
traditional formulae, legal superstitions, witticisms,
pointed phrase, characterizations of neighbors, traditional
mockery of certain trades, distinctive traditional sentences
of rhymes, shibboleth, linguistic proverb, tongue-twisters,
proverbial weather forecasts, proverbs in which reference is
made to the calendar, local meteorological proverbs,
proverbs concerned with physical peculiarities, phrases and
sentences customarily used in a single special situation,
evasive descriptions, nonce-proverbs, proverbial types
connecting two abstract ideas in terms of a family
relationship or distinguished by the use of correlatives,
rhymed proverb, simple or complex structure of proverbs,
priamel, parallel proverbs, dramatic use of proverbs,
paraphrases for drunkenness, proverbial phrases with a
single connotation.
Obwohl Joseph Aquilina zweifellos die best mögliche
Quelle bei Schaffung seiner Terminologie benutzt hat,
erinnert man sich dabei an eine Beurteilung von Brynjulf
Alver (in Fabula 1967 S.63)"
"The science of folklore has an abundance of
terms and definitions, most of which are inexact and
illogical, as is also the case concerning some of our
category terms. Sometimes, they have to serve as aids for
a limited purpose, for example to serve as basic
references when cataloguing the material in a folklore
archive, or they may in certain other respects form the
basis for a 'practical' division of folklore material
into minor units. We can certainly adduce weighty
arguments in favour of what is practical when defining
folklore or folkloristic data, but sometimes the lack of
accuracy in our definitions has led our science astray.
It is not without consequences on which criteria we base
our definitions, because the definitions are essential to
our attitudes towards the material."
Nach Lauri Honko gibt es wenigstens neun Kriterien, die
man bei Termanalyse in Betracht ziehen soll: 1) Inhalt, 2)
Form, 3) Stil, 4) Struktur, 5) Funktion, S) Frequenz, 7)
Verbreitung, 8) Alter, 9) Herkunft. Zwei Termini, die
gemeinsames Kriterium besitzen, können miteinander
synonym, gegensätzlich oder mehr oder wenig
übereinanderliegend (overlapping) sein. Sie können
auch zu ganz verschiedenen Ebenen gehören, wenn sie
kein gemeinsames Kriterium haben. (Temenos 3, 1968, S.
62.)
Unter den Termini von Aquilina (und Taylor) beziehen sich
einige (3 - 8, vielleicht auch 28) in erster Linie auf die
Herkunft, andere auf inhaltlich-funktionale Kriterien (9 -
14, 17, 25 - 27) oder auf formale, stilistische oder
strukturale Kriterien (1 - 2, 15 - 16, 18 - 24, 29 - 34).
Näher betrachtet besitzen die meisten
Gruppenbezeichnungen (z.B. proverbial comparisons,
wellerisms) sowohl inhaltlich-funktionale als syntaktische
und stilistische Characterzüge.
In Proverbium 5 (1966, S. 97-104) habe ich einen
Versuch gemacht, in der Idee, in der Struktur und in dem Baukern die drei Aspekte festzustellen,
nach denen einzelne Sprichwörter zu synonymen, strukturgleichen oder baukerngleichen Sprichwortgruppen zusammengefasst werden könnten. Dabei
habe ich die syntaktisch-stilistische Oberflächenstruktur und die logisch-semiotische Tiefenstruktur eines Sprichwortes nicht klar genug
auseinandergesetzt. Wie ich in Proverbium 19
bestätigte, soll man die Typenanalyse der
Sprichworttradition auf die binaren Oppositionen (wie: "ein
- zwei bzw. viele" und "ein - alle, bzw. Teil - das Ganze")
und nicht auf die Gleichheiten und Ungleichheiten der
sprachlichen Figuren bauen.
Die Strukturanalyse eines parömiologischen Materials
ist keineswegs problemlos. Ich wähle zu meinem
'Versuchskaninchen' dieselbe Sprichwortgruppe, in welcher
Joseph Aquilina ein Beispiel für die
"sprichwörtliche Personifikations" (20.) und Kazys
Grigas elf syntaktische Invarianten seiner Analyse (S. 914
in diesem Heft) gefunden hat.
Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren bedeutet nach
Grigas: "übe Vorsicht, denn überall kann jemand
dein Geheimnis erfahren". Die Parallelbilder "Feld" und
"Wald" seien also Symbole des strukturalen Begriffs
"überall", wie "Augen" und "Ohren" den strukturalen
Begriff "Beobachter > Verräter" verträten.
Warren Roberts hat in "Studies in Cheremis Folklore, Vol. 1"
(Indiana 1952, S. 162) zwei Varianten des erwähnten
Sprichworts publiziert, die eine charakteristische
Zweideutigkeit hervorbringen:
9.1.5.2. Der Wald hat Ohren, das Feld hat Augen.
(Auf dem Felde sieht man alles, was man tut; im Walde
hört man, wenn jemand Holz fällt; den Klang der
Axt hört man weit.)
9.1.5.3. Das Feld hat Augen, der Wald Ohren (= schlimme
Arbeit bleibt nicht verschwiegen).
Unter identischer Oberflächenstruktur verbergen sich
zwei völlig verschiedene Tiefenstrukturen: "Wald" und
"Feld" sind nach der ersten Deutung nicht synonymparallele
"überall"-Symbole, sondern gegensältzliche
Gebrauchsumgebungen für Ohren und Augen. Z.B. die
lettische Variante "Use your eyes in the field and your ears
in the forest" (Champion 225:54) und die italienische "Die
Hecken haben nicht Augen, haben aber Ohren"
(Reinsberg-Düringsfeld I 453) setzen die
gegensätzliche Tiefenstruktur voraus. Unter den
erklärten finnischen Varianten sind die Kommentare vom
Typus "im Walde braucht man mehr die Ohren als die Augen"
etwas allgemeiner als die vom Typus "überall gibt es
Zeugen".
The full text of this
article is published in De
Proverbio - Issue 7:1998 & Issue
8:1998, an
electronic book, available from amazon.com and other leading Internet booksellers.
Wenn man aber nach der Tiefenstruktur der "X hat Ohren"
-Sprichwörter fragt, tauchen schwerere Probleme
auf.
1) Die alte einfache Gruppe der "X hat Ohren"
-Warnungen gibt eine Antwort auf die Frage, wie der
(tätige) Mensch und die (tätige) Umgebund sich
zu einander verhalten. "Wo ein Täter ist, da ist ein
Zeuge" (Wiedemann S. 93 u. 95) und "Wie man in den Wald
schreit, so schallt es wieder heraus" (RD II 653)
variieren dieselbe Grundopposition.
2) Die Tiefenstruktur der Variantengruppe "Kleine
Töpfe haben auch Ohren" nähert sich derjenigen
der Typengruppe "Auch das scheinbar Nichtige besitzt
Wirkungskraft" (z.B. "Ameisen haben auch Galle", "Kleine
Hilfe ist auch Hilfe", "A deer, although toothless, may
accomplish something" - RD I 84 u. 754, Champion
619:2).
3) Die litauische Invariante Nr. 9 ("Auf dem Feld ist
weit zu sehen, im Walde weit zu hören") mit ihren
baukerngleichen Synonymsprichwörtern gehört zu
einem ganz andersartigen Typus von "quadripartite
structures": es gilt, die Gegensätzlichkeit des
Feldmilieus und des Waldmilieus hinsichtlich der
Gegensätzlichkeit des Gesichtssinns und des
Gehörsinns zu zeigen.
Arvo Krikmann hat in der estnischen Zeitschrift Keel ja
kirjandus (1974) die "semantische Unbestimmtheit" der
Sprichwörter höchst aufschlussreich behandelt. Es
fällt in die Augen, wie besonders die europäische
Sprichworttradition auch in unserem Fall die zweideutigen
Variationen bevorzugt, in denen Tag und Nacht, Feld und
Wald, Zaun und Wand ebenso gut als Wortpaar-Symbole für
"immer" und "überall" als gegensätzliche Augen-
und Ohren-Milieus zu betrachten sind. Die finnisch-estnische
Invariante Nr.7 (vgl. S. 916) lässt es sogar unklar, ob
man seine eigene Augen und Ohren gegenüber See
und Wald brauchen oder sich vor den lauernden Augen und
Ohren in der Umgebung hüten soll. An sich sind die
alternativen Deutungsmöglichkeiten nicht strittig: "Man
ist sichtbar am Tage und hörbar in der Nacht, es gilt
immer vorsichtig zu-sein", so wird eine schwedische Variante
(Holm S. 61) erklärt.
Dan praktische Problem, dem ich unter der Vorbereitung des
Verzeichnisses der internationalen Sprichworttypen begegnet
bin, ist folgendes: Wie soll man die zwei-, drei- oder
vielspaltigen Sprichwortkomplexe im Rahmen eines
leichtfasslichen Typenkatalogs behandeln?
Matti Kuusi
Helsinki
*Previously published in Proverbium, 23, 1974, pp. 920-924.