MATTI KUUSI
Ein Vorschlag für die
Terminologie der parömiologischen
Strukturanalyse
Die im folgenden gebrauchten Termini für
eine parömiologische Strukturanalyse greifen auf
einen Aufsatz von Matti Kuusi "Sananparsiston
rakenneanalyysin terminologiaa" (In Zeitschrift
Virittäjä 1963, S. 339-348) zurück. Sie
wurden im Mai 1966 auf einem dreitägigen Symposium
in Helsinki (Teilnehmer: Liisa Holstila, Matti Kuusi,
Kari Laukkanen, Pentti Leino und Siegfried Neumann - DDR,
von dem die Vorschläge für die deutschen
Termini stammen) diskutiert. PROVERBIUM wird diese
Diskussion mit weiteren kommentierten Beispielserien
fortsetzen und bittet, Vorschläge für
entsprechende 'Termini in englischer, französischer,
russischer, spanischer usw. Sprache zu unterbreiten und
evt. Einwände geltend zu machen.
Nach welchen Kriterien soll man das sprichwörtliche
Sprachgut unterteilen und analysieren? Und wann handelt es
sich bei verschiedenartigen Sprichwortaufzeichnungen um
Varianten desselben Sprichworts?
Es gibt drei Aspekte, nach denen man die
Sprichwörter zu Gruppen zusammenfassen kann: 1. nach
der Idee, 2. nach der Struktur (finnisch:
formula), 3. nach dem Baukern. Sprichwörter mit
der gleichen Idee sind synonyme Sprichwörter. Sprichwörter, die nach gleichem Schema gebildet sind,
bilden strukturgleiche Sprichwörter. Sprichwörter, die sich um gleiche bzw. sinngleiche
Bilder oder Wortfiguren gruppieren, sind baukerngleiche
Sprichwörter.
Wenn zwei Sprichwörter die gleiche Idee und den
gleichen Baukern aufweisen, bilden sie Varianten
desselben Sprichworts. Z. B: Fides defectus scientiae
- Fides nihil aliud est, quam defectus scientiae.
Haben sie die gleiche Idee und die gleiche innere
Architektur, aber einen unterschiedlichen Baukern, so sind
es strukturgleiche Svnonym-Sprichwörter. Z. B.: Sus docet Minervam - Imberbis senes docet - Kandjambwena
oku ula yin'oondunge (= Baby elephant teaching its
mother, Ovambo in SW-Afrika).
Wenn die Struktur und der Baukern gleich sind, aber die
Idee verschieden ist, handelt es sich um kongruente
Sprichwörter. Z. B.: Das Werk lobt seinen
Meister - Das Werk lohnt seinen Meister - Das Werk gehorcht
dem Meister - Das Werk zeugt vom Meister.
Jedes einfache Sprichwort kann drei verschiedene
Elemente enthalten: Kern-, Füll- und Formelelemente,
bei zusammengesetzten, d.h. mehrgliedrigen
Sprichwörtern kommen Fortsetzungs- oder
Parallelelemente hinzu.
Die Füllelemente bestehen aus improvisierten,
situationsgebundenen Zusätzen, die nicht für das
Verständnis der Idee notwendig sind. Z. B. : Aurora
musis amica - It is said, that the morning is a sure and
sweet friend to the Muses (M. Palmer Tilley, A400).
Die Formelelemente sind die Rahmenwörter, die
eine strukturgleiche Sprichwortgruppe kennzeichnen. Z. B.: Plus prodest omen felix quam nobile nomen - Plus valet
exemplum quam verborum documentum - Plus est simplicitas
bona quam verbosa potestas.
Die nach dieser Absonderung übrigbleibenden Teile
bilden di e für das Verständnis der Idee stets
notwendigen Kernelemente.
Wenn die Fortzetzungs- oder Parallelelemente synonym oder analog oder von
emphatischem Charakter sind (z. B. Naturam expellas
furca, tamen usque recurret, Natura fundat ingenium,
provehit usus, Verkehrte Natur bleibt verkehrt, wenn man
gleich ein Loch in sie hineinpredigte), bleibt die Idee
im wesentlichen gleich, während eine
einschränkende oder antithetische Fortsetzung (z. B. Naturam frenare potes, sed vincere numquam, Nature passe
nourriture et nourriture survainc nature, Medicus curat,
natura sanat) die Idee gewöhnlich verändert.
The full text of this
article is published in De
Proverbio - Issue 7:1998 & Issue
8:1998, an
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23) Es ist ein guter Gulden, der zehn erspart.
24) Um einen Thaler zu gewinnen, kann man schon einen
Pfennig opfern.
25) Wer einen Pfennig hat, will gern einen Gulden
haben.
26) Ein Groschen im Haus ist besser als ein Thaler
drauss.
27) Besser ein eigen Pfennig, denn ein fremder
Gulden.
28) Wer zum Pfennig geboren ist, kommt nicht zum
Thaler.
29) A penny soul never comes two-pence.
30) Wenn Groschen kommt, so muss Heller aufstehen.
31) Ein Pfennig hat so viel recht als ein Thaler.
(Düringsfeld I 658, II 215, 559; Wander I 194, II
143-144, 1390, 1612-1613, III 1267-1274, IV 1136; Apperson
490; Palmer Tilley P 195; Smith & Heseltine 495; Gaal
221; Champion 630:400.)
Alle, mit Ausnahme von 8-9, enthalten denselben Baukern,
wobei die verschiedenen Münzeinheiten mit ihren
quantitativen Attributen als labile Substituten der
Kernelemente Kleingeld - grösseres Geld zu betrachten
sind. Strukturgleiche Sprichwörter sind 1,3,4,8,9,28;
2,7; 5,6; 10,11; 13,17,18; 14,15,26,27; 19,20,25; 21-23.
Varianten desselben Sprichworts sind 1-7; 10-13; 15-18;
19-20; 21-24; 26-27; 28-29, während die übrigen
entweder hinsichtlich der Idee oder des Baukerns
selbständig sind. 1,3,4,7; 5,6; 10,11; 17,18; 19,20;
21-23 bilden Variantengruppen, die unter den verschiedenen
Aspekten - Idee, Struktur, Baukern - betrachtet homogen
sind. 8-9 sind strukturgleiche Synonymsprichwörter der
erstgenannten Gruppe. Typische Formelelemente sind z.B.
"besser als ~ denn" (14-15, 26-27), "wenn - so" (30), "wer -
der" (19-20); die Wörter "wohl auch" (19-20)
dürftten zunächst Füllelemente sein.
Zusammengesetzte Sprichwörter sind nur 5-6 und 12. 16
und 23 sind von Numeralienformeln 1:100 1:10 beeinflusst
worden und zeigen folglich charakteristische Züge von
Kontaminationssprichwörtern.
1) Variatio delectat.
2) Variety is the soul of pleasure.
3) The great source of pleasure is variety.
4) Delectat variatio, so heisst es im Horatio.
5) Vaehtelu virkistää kun Hemmin Toevon
akanotto. (Abwechslung erfreut wie ein Weibsbild von
Hemmi's Toivo freien. Finnisch.)
6) Spass muss sein, und soll der Kuhhirte auf der
Schweinehirtin reiten.
7) Spass muss sein, sagte Liedke, als ihm sechs
Backenzähne eingeschlagen wurden.
8) Spass muss sein, sagt Eulenspiegel, da kitzelt er
seine Mutter mit der Mistgabel.
9) Variatio delectat, hat der Bauer einmal gesagt, da hat
er dicke Milch mit der Mistgabel gefressen.
10) Variatio delectat, sagte der Teufel und ass die
Butter mit der Mistgabel.
11) Abwechslung muss sein, sagt der Teufel, und frisst
die Buttermilch mit der Mistgabel.
12) Vaihtelu virkistää, sano piru kun
häntänsä maalas. (Abw. erfreut, sagte der
Teufel, als er seinen Schwanz angemalt hatte.)
13) Ombyte förnöjer, sa fan, när han
dansade i glasbyxor. (Abw. erfreut, sagte der Teufel, als
er in Glashosen tanzte.)
14) Ombyte förnöjer, sa gumman, koka soppa
på löständerna. (Abw. erfreut, sagte die
Alte und kochte die Suppe auf dem Gebiss.)
(R. Eckart 3, 491; Wander IV 1503, V 702; B. Stevenson
2416; Solstrand 2917, 4644; Järviö-Nieminen 4;
Kuusi, S. k. vertauksia 849.)
Der Baukern 'Variatio delectat' kommt sowohl als
selbständiges Sprichwort (1-3) als auch in
zusammengesetzten Sprichwörtern vor: als Zitat (4), gefolgt von einem Vergleich (5) oder Spass (6) und sehr
oft als dictum in Wellerismen (7-14). In 6-8 u. 11 hat der
Spruch von Phaedrus eine Veränderung in normativer
Richtung erfahren. Wie häufig bei Wellerismen, gibt es
auch in dieser Beispielgruppe nur wenig stabile
Korrelationen zwischen den einzelnen Gliedern. Man
könnte vielleicht von dictumgleichen Wellerismen (7-14), von factumgleichen Wellerismen (8-11) und von Wellerismen mit einer gemeinsamen Sagwortperson (10-13) sprechen, wobei
man die Aufzeichnungen mit wenigstens zwei gemeinsamen
Gliedern (8-13) als Varianten desselben Wellerismus
betrachten dürfte. Doch sind die Stufen der Gleichheit
hier besonders vieldeutig (Mistgabel - Butter ~ Mutter;
Backenzähne eingeschlagen - löständerna!),
und die häufigen Kontaminationen kann man oft
mit gleicher Berechtigung zu Varianten von zwei oder droi
verschiedenen Wellerismen auffassen.
Matti Kuusi
Helsinki
*Previously published in Proverbium,
5, 1966, pp. 97-104.