WOLFGANG MIEDER
"REGELN-KRIEG, SPRÜCHWÖRTER-KRIEG"
ZU DEN SPRICHWÖRTLICHEN APHORISMEN VON GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG
Seit Jahrzehnten haben Parömiologen viel zu schnell und pauschal
die Meinung vertreten, daß Sprichwörter im Zeitalter der Aufklärung
als tradierte Volksweisheiten mehr oder weniger in Vergessenheit gerieten.
Zu einer Zeit, wo Vernunft und Bildung herrschten, konnte man angeblich
nichts mit den volkssprachlichen Sprichwörtern anfangen. Das ist jedoch
ein erheblicher Trugschluß, denn schaut man sich heute die größeren
Sprichwortbibliographien an,[1] so zeigt
sich auf überzeugende Weise, wie interessiert man auch im 18. Jahrhundert
an der Sprichwörterweisheit war. Es darf nicht vergessen werden, daß
die philosophische Seite der Aufklärung auch eine populärwissenschaftliche,
moralische und didaktische Kehrseite einschloß, die Ethik und Tugend
lehren wollte. Dazu waren Sprichwörter nach wie vor in leicht eingängigen
Sätzen ausgedrückte Weisheitslehren, die im mündlichen sowie
im schriftlichen Gebrauch wiederholte Verwendung fanden. Das zeigen einmal
die vielen "vernünftig" kommentierten Sprichwörtersammlungen
dieses Zeitalters, aber die Vorliebe für altüberlieferte Volksweisheit
läßt sich auch an den vielen auf Sprichwörtern aufgebauten
Predigten und der regelrechten Mode von Sprichwortscharaden ablesen.[2]
Die historische Sprichwörterforschung hat sich bisher viel zu sehr
mit der sprichwörtlichen Sprache früherer Jahrhunderte beschäftigt.
Die großen Sammlungen von Johannes Agricola, Sebastian Franck, Friedrich
Peters und Christoph Lehmann, um nur einige wenige zu nennen, verdienen
diese Beachtung und sind mit Recht bereits nachgedruckt worden.[3] Doch es gibt auch äußerst wichtige
Sprichwörtersammlungen der Aufklärungszeit, die allerdings bisher
zu wenig berücksichtigt worden sind, so z.B. J.C. Siebenkees, Teutsche
Sprichwörter mit Erläuterungen (Nürnberg: Bauer und Mann,
1790), Johann Jacob Bücking, Versuch einer medicinischen und physikalischen
Erklärung deutscher Sprichwörter und sprichwörtlicher Redensarten (Stendal: Franzen und Grosse, 1797) und Andreas Schellhorn, Teutsche
Sprichwörter, sprichwörtliche Redensarten und Denksprüche (Nürnberg: Stein, 1797). Die wichtigste Sammlung jedoch ist Joachim
Christian Blums Deutsches Sprichwörterbuch, 2 Bde. (Leipzig:
Weygand, 1780 und 1782), worin 766 Sprichwörter mit ausführlichen
Erläuterungen verzeichnet sind, die wertvolle Aufschlüsse über
didaktische, pädagogische und populärwissenschafliche Ansichten
dieses "aufgeklärten" Jahrhunderts geben.[4] Aber es wurde nicht nur gesammelt und vernünftigt kommentiert, sondern
selbst Johann Christoph Gottsched verfaßte einen "Versuch einer
Erklärung vieler eigentlichen deutschen Redensarten" (1741). In
seinem gewichtigen Buch Grundlegung einer deutschen Sprachkunst (1.
Aufl. 1748) handelt er dann im XII. Hauptstück "Von den Kern-
und Gleichnißreden, imgleichen den Sprüchwörtern der deutschen
Sprache" und fügt seinen allgemeinen Betrachtungen eine Liste
von 346 Redensarten und 625 Sprichwörtern bei.[5] Wer will da noch behaupten, daß Sprichwörter den Aufklärern
nichts galten!
Literaturwissenschaftler und Sprichwortforscher haben auch bezüglich
der schöngeistigen Literatur des 18. Jahrhunderts wiederholt behauptet,
daß die Aufklärung und Klassik dem Sprichwort gegenüber
negativ eingestellt waren. Und doch haben zwei umfangreiche Dissertationen
sowie kleinere Einzelstudien zum Sprichwortgebrauch bei Johann Wolfgang
von Goethe und Friedrich Schiller längst nachgewiesen, daß diese
volkssprachliche Fertigware selbst bei diesen Klassikern eine erhebliche
stilistische und gehaltliche Rolle spielt.[6] Goethes Götz von Berlichingen (1773) und selbst sein Faust (1808/32) enthalten eine beachtliche Anzahl von Sprichwörtern und sprichwörtlichen
Redensarten. Dasselbe gilt für Schillers Wallenstein (1798/99),
dessen Sentenzen oft auf Sprichwörtern fußen oder inzwischen
zu Sprichwörtern geworden sind. Eine detaillierte Analyse der volkssprachlichen
Elemente der Dramen der Strum und Drang Zeit würde gleichfalls aufzeigen,
daß Sprichwörter in der Literatur des 18. Jahrhunderts nicht
unterschlagen wurden. Selbstverständlich war auch der volkskundlich
sehr interessierte Johann Gottfried Herder dem Sprichwort durchaus positiv
gesinnt, doch wäre das Gesamtwerk Herders erst noch auf seine Verwendung
von Sprichwörtern hin zu untersuchen. Hier sei wenigstens auf seinen
großartigen Aufsatz "Vitae, non scholae discendum" (1800)
hingewiesen,[7] worin die Sprichwortweisheit
"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir"
überzeugend als wahr ausgelegt wird.
Auch über Gotthold Ephraim Lessings Verwendung von Sprichwörtern
und sprichwörtlichen Redensarten liegt leider noch keine größere
Untersuchung vor. Und doch enthalten seine Lustspiele wie Der junge Gelehrte (1747), Der Misogyn (1748) und Minna von Barnhelm (1763) sowie
selbst sein großes Drama Nathan der Weise (1779) viele Sprichwörter,
die teils humorvoll aber auch didaktisch verarbeitet werden. Lessing war
sogar von Sprichwörtern so fasziniert, daß er seinen "Collectanea"
fast zwanzig Seiten aus den Sprichwörtersammlungen Sprichwörter
/ Schöne / Weise / Herrliche Clugreden / vnnd Hoffsprüch (1541)
von Sebastian Franck und Florilegium Politicum (1630ff.) von Christoph
Lehmann einverleibt hat.[8] Lessing plante
eine Neuauflage des großen Lehmannschen Werkes (22922 Sprichwörter
enthält diese massive Barocksammlung!), übersetzte englische Sprichwörter
ins Deutsche und beschäftigte sich eingehend mit zahlreichen Sprichwörtern
und Redensarten in seinen "Vorarbeiten für ein deutsches Wörterbuch".[9]
Selbst François-Marie Voltaire als der bedeutendste europäische
Vertreter der Aufklärung hat sich in einer Untersuchung über Sprichwörter
und Redensarten in seiner umfangreichen Korrespondenz als geradezu sprichwortreich
erwiesen.[10] Ein ähnliches Resultat
würde auch eine Studie über die sprichwörtliche Sprache der
Aphorismen von Johann Jakob Wilhelm Heinse ergeben, der zuweilen Sprichwörter
und Redensarten seitenweise aneinanderreiht,[11] so daß in seinen Werken eine noch unbekannte Sprichwörtersammlung
verborgen liegt. Sicherlich aber sprach der Aufklärer Karl Julius Weber
für sein ganzes Zeitalter, als er seine kurze Betrachtung über
"Sprichwörter" folgendermaßen einleitete:
Sprichwörter sind für das Volk die Axiome der gesunden Vernunft
und geprüfter Erfahrung, ihre Kürze und Kraft und Wahrheit empfehlen
sie noch heute. In jeder Gegend und in jedem Dorfe fast könnten wir
Sprüche von Männern finden, die sich durch Klugheit einen Namen
machten - die Zeit verlöscht ihre Namen, aber ihre Sprüche bleiben
und verwandeln sich in Sprichwörter.
Sprichwörter repräsentieren den gesunden Menschenverstand
mehr als tausend Bücher, und ihre Anwendung auf die Gegenstände
des Lebens und die Vorfälle des Tages macht den Witz des gemeinen
Mannes, der den Nagel auf den Kopf trifft, während hundert Folianten
und Quartanten nichts treffen als ein pedantisches System.[12]
Hier zeigt sich doch ganz deutlich, daß selbst die großen
Aufklärer nicht vom volkssprachlichen Sprichwort loskommen konnten.
Wieviel mehr aber werden Sprichwörter im mündlichen Sprachverkehr
kursiert haben! Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten gehören
nun einmal zum normalen Sprachgebrauch, gleichgültig aus welchem Stand
oder von welchem Bildungsniveau Sprachteilnehmer sein mögen. Die eigentliche
Frequenz, die Funktionen und Kontexte der Verwendung sprichwörtlicher
Sprache sind unterschiedlich, aber dieses volkstümliche Sprachgut gehört
wie einzelne Wörter zur menschlichen Kommunikation. Niemand scheint
ihnen entfliehen zu können, und warum auch, da diese vorgeprägten
Sprachformeln und Metaphern nun einmal den sprichwörtlichen Nagel auf
den Kopf treffen!
Ähnliche Gedanken lassen sich auch in den Sudelbüchern Georg Christoph Lichtenbergs finden, der sich in seinen Aphorismen wiederholt
mit dem Wert von Sprichwörtern und Redensarten auseinandergesetzt hat.
Es ist bekannt, daß Lichtenberg großes Interesse an der Sprache
schlechthin aber auch ganz besonders an der Volkssprache hatte.[13] In einem seiner kürzesten Aphorismen
heißt es ganz einfach "Die Wörter-Welt" (J357, S. 706),[14] und es lassen sich zahlreiche Kurztexte
finden, worin Lichtenberg sich als engagierter Etymologe, Philologe, Dialektologe
und Lexikograph entpuppt. Er ging zwecks geplanter aber nicht ausgeführter
Wörterbücher sogar so weit, informationsreiche Wörterlisten
zusammenzustellen, wie es Lessing ebenfalls tat. Gerade eine Liste von "Schimpfwörter[n]
und dergleichen" (D667, S. 338-339) läßt erkennen, wie sehr
Lichtenberg die Volkssprache schätzte. Hier findet man Wörter
wie "Schandbalg, Flegel, Galgenvogel, Hundsvott, Drecksau, Schlampe"
usw., aber es sind auch drastische Redensarten und Flüche wie "daß
dich tausend Teufel zerreißen", "Blitz, Hagel, und alle
Wetter" und "Himmel Sakrament" darunter. Auf diese Zusammenstellung
folgt sogar noch eine dreiseitige Liste von "Wörter[n] und Redens-Arten"
(D668, S. 340-342), die Redensarten wie "einen am Affenseil herumführen",
"in Bausch und Bogen" und "nicht ein Bohnenflöckgen"
enthält. Solche Ausdrücke finden sich auch in ein- bis zweizeiligen
Texten Lichtenbergs wieder, die mit der Gattung des Aphorismus zuweilen
weniger zu tun haben, die aber sein großes Interesse an der bilderreichen
und derben Volkssprache verdeutlichen und zeigen, daß Lichtenberg
nicht nur Sprachforscher sondern auch recht modern "Sprachspieler"
ist. Als Beispiele seien kurz folgende Texte zitiert, die alle eine gängige
Redensart (zuweilen auch zwei Redensarten verbindend) enthalten:
Er war was man in allen Ländern zwischen dem Rhein und der Donau
eine gute Haut nennt. (B32, S. 56)
Ich habe auch Federn auf dieser Leimrute sitzen lassen. (C241, S. 204)
Das heißt Eulen nach Athen oder Compendia nach Göttingen
tragen. (D70, S. 241)
Ich muß ihn irgendwo einmal ans Kümmel-Eckgen gestoßen
haben. (D94, S. 245)
So närrisch als es dem Krebse vorkommen muß wenn er den Menschen
vorwärts gehen sieht. (D125, S. 249)
Das ist eine Arbeit wobei sich glaube ich die Gedult selbst die Haare
ausrisse. (D245, S. 270)
Er hat den Kelch des Stolzes getrunken. (D394, S. 290)
Seit wann ist dann schlecht und recht und recht schlecht einerlei? (E125,
S. 368)
Was man nicht gleich sieht ist keine drei Groschen wert, artifizielles
Gewäsch. (E149, S. 373)
Sie verkaufen alles bis aufs Hemd und noch weiter. (E201, S. 390)
Viel Federkauens wollen wir gewiß nicht machen. (E363, S. 424)
Er fiel sich selbst ins Wort. (E519, S. 451)
Er sieht aus als wenn er keine drei zählen könnte, als wenn
ihm die Hühner das Brod gefressen hätten. (F240, S. 496)
Alles Unglück von A bis Z. O meine liegen alle zwischen A und G
(Frau, Ehe). (F287, S. 501)
Ich denke wenn man etwas in die Luft bauen will, so sind es immer besser
Schlösser als Kartenhäuser. (F357, S. 510)
Das ist toll genug einen Narren klug zu machen, bei meiner Ehre. (F567,
S. 537)
Damals hätte er beinah seinen kostbaren Hals gebrochen. (F580,
S. 539)
Das Trojanische Pferd mit dem Heidelberger Faß verglichen. (F615,
S. 544)
Jena und Gomorrha. (F870, S. 584)
Man muß keinem Menschen trauen, der bei seinen Versicherungen
die Hand auf das Herz legt. (G74, S. 146)
Das Faustrecht ist heutzutage verschwunden bis auf die Freiheit, jedem
eine Faust in der Tasche zu machen. (G178, S. 166)
Er verschluckte viel Weisheit, es war aber, als wenn ihm alles in die
unrechte Kehle gekommen sei. (H91, S. 190)
Das heißt die Hand auf den Mund legen und hernach ein wenig durch
die Finger plaudern. (J119, S. 670)
Der Mann machte sehr viel Wind. B. O nein! wenn es noch Wind gewesen
wäre, es war aber mehr ein wehendes Vakuum. (J181, S. 679)
Bei dem ist Hopfen und Malz verloren. B. Das setzt voraus, daß
es mit ihm auf Bier angelegt gewesen wäre. Das ist es aber nicht.
Es war alles Wassersuppe. (J182, S. 679)
Hierüber wollen wir das Gras hinwachsen lassen. (J632, S. 745)
Es ist viel anonymisches Blut vergossen worden. (J1103, S. 808)
Es wäre wohl gut wenn ihm jemand einmal sein goldnes Wolfs-Vlies
über die Ohren zöge. Einem das Vlies über die Ohren ziehen,
ist besser als Fell. (J1253, S. 831)[15]
Diese Texte reichen von autobiographischen Aussagen bis hin zu bitter
satirischen Angriffen auf nicht genannte Zeitgenossen. Die metaphorischen
Redensarten helfen dabei durch ihre Bildlichkeit, die ernsten und auch spielerischen
Texte volkssprachlich zu verstärken. Indem Lichtenberg die Metaphern
variert (z.B. "Federkauens" statt "Federlesens" oder
"Jena" statt "Sodom") oder durch Ergänzungen witzig
auf diese Fertigware reagiert, bewahrheitet er eine eigene sprachphilosophische
Feststellung: "Schimpft nicht auf unsere Metaphern, es ist der einzige
Weg, wenn starke Züge in einer Sprache zu verbleichen anfangen, sie
wieder aufzufrischen und dem Ganzen Leben und Wärme zu geben [...]"
(E274, S. 411).[16]
Zuweilen spielt Lichtenberg lediglich auf eine Redensart an, wie z.B.
in dem erotischen Text "Es ist der Ordnung der Natur sehr gemäß,
daß zahnlose Tiere Hörner haben, was Wunder wenn es alten Männern
und Weibern öfters so geht?" (E45, S. 352). Hier ist selbstverständlich
von "einem Hörner aufsetzen" die Rede, einem sprichwörtlichen
Ausdruck, der den sexuell betrogenen Partner als Hahnrei charakterisiert.[17] Obwohl diese Redensart heute weniger
gebräuchlich ist, war sie im 18. Jahrhundert gang und gäbe, so
daß Lichtenbergs Lesern die Anspielung nicht entgangen wäre.
Was Sexualität oder Obszönität betrifft. so machte sicherlich
der Umstand, daß Lichtenberg absolut keine Intentionen hatte seine Sudelbücher zu veröffentlichen (vgl. "Die letzte Hand
an sein Werk legen, das heißt verbrennen" [F173, S. 486]), das
Aufschreiben der folgenden Texte möglich: "Die eine Schwester
ergriff den Schleier und die andere den Hosenschlitz" (C5, S. 157),
"Es ist eine schöne Ehre die die Frauenzimmer haben, die einen
halben Zoll vom Arsch abliegt!" (J100, S. 667), "Ein Brauthemd
am Morgen nach der Hochzeit vulva pinxit, penis sculpsit" (J149,
S. 675), "Ich habe mit ihm 2 Jahre in einerlei Nachtgeschirr gepisset
und kann also schon wissen was an ihm ist" (B273, S. 118), "Depurtierte
pissen gegen eine Kutsche, die Kutsche geht weg, und sie pissen gegen einander"
(D623, S. 328), "Der Dung-Karrn und die Staats-Karosse" (D663,
S. 336) und "Arschwische mit Motto's" (E11, S. 345). Hier zeigt
sich Lichtenberg als "vulgärer" volkssprachlicher Aufklärer,
doch muß betont werden, daß die vielen Studien zu Lichtenbergs
Aphorismen solche Belege bisher unterschlagen haben. Dabei zeigen sie erst,
wie universal der Inhalt dieser Sudelbücher ist, die laut Lichtenberg
"Das Starke, das Große, das Erhabene, das Matte, das Gemeine,
das Alberne, das Hundsföttische" (D155, S. 253) - kurz das gesamte
zeitgenössiche Leben enthalten.
Da Lichtenberg seine Kurzprosa, die bekanntlich außer Aphorismen
im eigentlichen Sinne aus Tagebucheintragungen, Lesefrüchten, Zitaten,
Glossen, Witzworten, Redensarten, Sprichwörtern, Epigrammen, Augenblickseinfällen,
Notizen, Beobachtungen, Hypothesen, Vermutungen, Plänen, Skizzen, Wortsammlungen,
Buchtiteln, Wortspielen ad infinitum bestehen,[18] in der Tat nur für sich selbst verfaßt hat, ist es nicht verwunderlich,
daß diese "ganze Milchstraße von Einfällen" (J344,
S. 704) gelegentlich Texte enthält, deren Andeutungen etwas unverständlich
sind. Das geschieht selbst dann, wenn Lichtenberg mit Redensarten spielt.
So heißt es z.B. "Die Nase eher rümpfen lernen als putzen"
(F574, S. 539), und man fragt sich natürlich, von wem wraum und worüber
hier die Nase gerümpft wird. Ein etwas früherer Text gibt in etwa
den Schlüssel zu dem Rätsel: "Sagt, ist noch ein Land außer
Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?" (E316,
S. 416). Beeinflußt von dem englischen Philosophen David Hume und
dessen Aufsatz "Of National Characters" (1741), hat sich Lichtenberg
auch mit dieser umstrittenen Vorstellung beschäftigt: "Hume sagt
in seiner Abhandlung von National-Charakteren, die Engländer hätten
unter allen Nationen am wenigsten einen National-Charakter" (D231,
S. 268). Was nun die Deutschen angeht, so ist Lichtenbergs stereotypisches
Urteil über seine Zeitgenossen nicht gerade positiv, die anscheinend
das Verachten früher lernen als das Naseputzen. Fast schon sprichwörtlich
zeigt sich das negative Bild des deutschen Michels auch in der folgenden
Aufzählung, wovon es in Otto Freiherr von Reinsberg-Düringsfelds
Sammlung Internationale Titulaturen (1863) zahlreiche weitere Belege[19] gibt: "Er spricht mit dem Munde
wie der Franzose, mit Handlungen wie der Engländer, mit den Achseln
wie der Italiäner oder mit allen dreien, wie der Deutsche" (C276,
S. 210). Scharf kanzelt Lichtenberg die deutsche Bevölkerung auch mit
der negativen Variation der Redensart "wissen, wo einem der Schuh drückt"
ab, indem er ihre ständige anscheinend sinnlose Unzufriedenheit und
Meckerei bloßstellt: "Germanien, weiß nicht wo sie der
Kothurn drückt. Sie wissen nicht wo sie der Soccus oder Kothurn"
(Materialheft II, Nr. 38, S. 592; vgl. auch "Er weiß am besten,
wo ihn der Soccus und der Kothurn drückt" [C200, S. 197]). Indem
der Autor behauptet, daß das deutsche Land weder mit einem Kothurn
(=Bühnenschuh mit hoher Sohle) noch Soccus (-schuh mit flacher Sohle)
zufrieden ist, hält er seinen Mitmenschen einen satirischen Spiegel
ihres Nationalcharakters vor Augen.
Mehr oder weniger direkt tut das auch sein Patriotischer Beytrag zur
Methyologie der Deutschen nebst einer Vorrede über das Methyologische
Studium überhaupt (1773). Die einen Oktavbogen (16 Seiten) umfassende
anonym veröffentlichte Schrift enthält eine Sammlung von 101 hochdeutschen
und 43 niederdeutschen Redensarten über die Trunkenheit, wobei das
Fremdwort "Methyologie" eine Wortschöpfung Lichtenbergs aus
griechisch "methy" (berauschendes Getränk, bes. Wein) ist.
Humorvoll ist die erhebliche Sammlung "Allen Roten Nasen" gewidmet,
und natürlich erwähnt Lichtenberg in seiner Vorrede auch die stereotypische
Trunkenheit der Deutschen, die was "die Kunst zu trinken [... und]
was das Praktische hierin betrifft, nun einmal bei Auswärtigen zum
Sprüchwort geworden sind". Er übertrumpft damit eine ihm
bekannte englischsprachige Liste von 85 Redensarten zur Trunkenheit, die
ein gewisser Norworth unter dem Titel Observations on Drunkenness (1770) in The Gentleman's Magazine veröffentlicht hatte. Man
sieht, eine Art Nationalstolz - und sei es auch auf die sprachliche Fertigware
über die Intoxikation - vermag sich auch bei Lichtenberg einzustellen.
Freilich gelingt ihm in seinem Vorwort in etwa eine Satire auf eben dieses
Alkoholproblem, und gleichzeitig macht sich im lexikographischen Teil seine
ausgeprägte Wißbegierde an der sprichwörtlichen Volkssprache
erneut bemerkbar. Von den insgesamt 144 hoch- und plattdeutschen "Redens-Arten,
womit die Deutschen die Trunkenheit einer Person andeuten", seien hier
wenigstens folgende Texte kurz zitiert. Sie zeigen deutlich, daß Lichtenberg,
wie sein Zeitgenosse Lessing, auch parömiographisches Interesse hatte:
Er hat einen Schuß.
Er ist benebelt.
Er hat einen heiligen Schein.
Er hat zu tief ins Glas geguckt.
Er kann die Zunge nicht mehr heben.
Er sieht den Himmel für eine Baßgeige an.
Er ist im Oberstübchen nicht richtig.
Er ist so voll, daß er es mit den Fingern im Halse fühlen
kann.
Er ist unter dem Tische.
Er sieht eine Turm-Spitze für einen Zahnstocher an.
Er ist blindhagelvoll.
Er sieht aus wie eine Ente wenns wetterleuchtet.
----
He het veel unter de Nase gegossen.
He hefft to veele püchelt.
He is to lange unter den Wachholder-Baume wesen.
He hat wat in de Krone.
He heft de Jacke voll.
He is so dicke as en Swin.
He is so stramm as en Trummel.[20]
Von weltfremder Gelehrtheit des Göttinger Professors Lichtenberg
kann hier nicht die Rede sein. Vielmehr spürt man seine "Lust"
am Sammeln, seinen "Spaß" an dieser satirischen Anhäufung
von deutschen Redensarten und vor allem sein kulturgeschichtliches Interesse
an der sprichwörtlichen Volkssprache.
Natürlich hat Lichtenberg auch dem eigentlichen Sprichwort seine
Aufmerksamkeit geschenkt, was betreffs des Interesses der Lichtenberg-Forscher
an seinen sprichwörtlichen Aphorismen nicht behauptet werden kann.
Immerhin hat wenigstens Walter Arthur Berendsohn in seinem frühen Buch
zu Stil und Form der Aphorismen Lichtenbergs (1912) auf etwa 25 Texte
aufmerksam gemacht, die auf gängigen Redensarten und Sprichwörtern
beruhen.[21] Für die hier vorliegende
Arbeit wurden jedoch 258 redensartliche und 70 sprichwörtliche Aphorismen
in den 8161 von Wolfgang Promies herausgegebenen Prosatexten der Sudelbücher aufgefunden, so daß es sich immerhin bei 4% aller Texte um parömische
Aphorismen handelt. In seinem kurzen Vergleich von Aphorismus und Sprichwort
unterscheidet Berendsohn zwar scharf zwischen dem Aphorismus als Buchliteratur
und dem Sprichwort als ungeschriebene Volksliteratur, doch weist er wenigstens
an Hand von sieben Beispielen darauf hin, daß "natürlich
eine sekundäre Einwirkung des Sprichworts auf den Aph. nicht ausgeschlossen
[ist]".[22] Da fragt man sich allerdings,
wie Rudolf Wildbolz in seinem sonst so aufschlußreichen Aufsatz "Über
Lichtenbergs Kurzformen" (1969) das Sprichwort auslassen konnte, wo
er doch die anderen Gattungen wie Sentenz, Maxime, Witz, Aphorismus, Fragment
und Essay mit Bezug auf Lichtenbergs Sudelbücher analysiert.[23] Es ist doch längst bekannt, wie
nahe sich gerade ein- oder zweizeilige Aphorismen und Sprichwörter
stehen können, denn Aphoristiker von mindestens Lichtenberg an über
Goethe, Marie von Ebner-Eschenbach, Friedrich Hebbel, Gerhard Hauptmann,
Friedrich Nietzsche, Karl Kraus, Stanislaw Jerzy Lec, Gabriel Laub, Gerhard
Uhlenbruck, Werner Mitsch und André Brie bis hin zu Elias Canetti
(um nur einige Namen zu nennen) haben immer wieder entweder ihre Aphorismen
auf Sprichwortstrukturen aufgebaut oder aber gängige Sprichwörter
durch minimale Variationen in prägnante Aphorismen oder besser "Antisprichwörter"
verwandelt.[24] Offensichtlich sind sich
Aphoristiker der Verwandtschaft von Sprichwort und Aphorismus bewußt.
Besonders die sehr kurzen Aphorismen zeichnen sich oft durch stilistische
und strukturelle Merkmale wie Parallelismus, Antithese, Paradoxon, Wortspiel,
Reim, Metapher, Analogie, Prägnanz usw. aus. Mit Recht stellte bereits
Friedrich Schlegel betreffs solcher lakonischen Aphorismen folgende Definition
auf: "Witzige Einfälle sind die Sprüchwörter der gebildeten
Menschen",[25] und Piroska Kocsány
nannte einige Kürzesttexte von Lichtenberg durchaus passend "literarische
Sprichwörter".[26] Beide Definitionsversuche
deuten darauf hin, daß Aphorismen zwar sprichwörtliche Stilelemente
und Strukturen aufweisen können, daß sie aber doch von bekannten
Autoren stammen und nicht anonym im Volksmund geläufig sind. Man könnte
auch von erfundenen Sprichwörtern sprechen, die noch nicht volksläufig
geworden sind. Hier folgen immerhin zwölf Texte aus Lichtenbergs Sudelbüchern,
die in der Tat "das Zeug" hätten, durch allgemeine Gebräuchlichkeit
zum Volkssprichwort zu werden:
Die kleinsten Unteroffiziere sind die stolzesten. (C186, S. 193)
Es mag stürmen wie es will, so schwimmen verzwickte Bälge
immer oben. (C340, S. 220)
Sich in einen Ochsen verwandeln ist noch kein Selbst-Mord. (D169, S.
255)
Die Bauernmädchen gehen barfuß, und die Vornehmen barbrust.
(D303, S. 279)
Wer nichts in seinem Kopf verloren hat kann nichts finden. (D640, S.
331)
Die große Regel: Wenn dein Bißgen an sich nichts Sonderbares
ist, so sage es wenigstens ein bißgen sonderbar. (E243, S. 399)
Bombast? Was ist Bombast? Ein hoher Absatz ist noch keine Stelze. (F515,
S. 531)
Wenn eine Betschwester einen Bet-Bruder heiratet, so gibt das nicht
allemal ein betendes Ehepaar. (F1133, S. 622)
Die Fliege, die nicht geklappt sein will, setzt sich am sichersten auf
die Klappe selbst. (J415, S. 715)[27]
Wer eine Scheibe an seine Garten-Tür malt, dem wird gewiß
hineingeschossen. (J614, S. 742)[28]
Schmucklos ist ja noch nicht geschmacklos. (J778, S. 762)
Der eine hat geladen, der andere lädt noch. (L250, S. 887)
Außer den sprichwörtlichen Stilmitteln und deutlichen Sprichwortstrukturen
zeichnen sich diese Texte durch ihre Kürze und die ausgedrückte
Weisheit aus. Sie könnten also tatsächlich als "Sprichwörter"
angesehen werden, wenn sie eine allgemeine Volksläufigkeit erreicht
hätten. Das war jedoch gar nicht möglich, da Lichtenberg seine
Texte zu Lebzeiten nicht veröffentlicht hat. Die späteren Ausgaben
seiner Sudelbücher sind nie zur "Massenliteratur"
geworden, so daß diese "fast" Sprichwörter nicht unter
die Leute kommen konnten. Vielleicht schafft das einmal einer dieser Texte,
falls ein Journalist oder ein Werbetexter ihn zur Schlagzeile oder Werbespruch
erhebt.[29] Dann könnte die moderne
Macht der Massenmedien so einen sprichwörtlichen Aphorismus noch fast
zweihundert Jahre nach Lichtenbergs Tod zum Sprichwort werden lassen, das
mit hoher Frequenz in aller Munde geführt wird.
Ein Lichtenberg-Aphorismus scheint es allerdings zum Sprichwortstatus
gebracht zu haben, wenigstens ist er als Beleg für den fast identischen
Sprichworttext "Vom Wahrsagen kann man wol leben, aber nicht vom Wahrheit
sagen" in Karl Friedrich Wilhelm Wanders fünfbändigem Deutschem
Sprichwörter-Lexikon (1867-1880) mit Hinweis auf den Verfaser verzeichnet
worden. Allerdimgs zitiert Wander nicht aus den Sudelbüchern sondern aus Lichtenbergs Ausführlicher Erklärung der Hogarthischen
Kupferstiche (1794ff.) folgende Variante: "Vom Wahrsagen kann man
wol noch hier und da in Deutschland leben, aber nicht vom Wahrheit sagen".[30] Doch mit dieser satirischen Aussage
über den Zustand der Wahrheit in Deutschland erweiterte Lichtenberg
seinen bereits etwa 1791 niedergeschriebenen Aphorismus "Vom Wahrsagen
läßt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.
(J787, S. 763), der fast identisch ist mit dem von Wander zitierten Sprichwort.
Wander bietet keine früheren Belege als diesen von Lichtenberg, und
bis sich ein Text vor Lichtenbergs Variante finden läßt, könnte
dieser als möglicher "Erfinder" des Sprichworts gelten. Diese
Möglichkeit bleibt auch bestehen, wenn man annimmt, daß der Parömiograph
Wander die in der Hogarth-Schrift aufgefundene Aussage um den Satzteil
"auch hier und da in Deutschland" verkürzt hat und durch
die Aufnahme in sein parömiograhisches Standardwerk zum Sprichwort
erklärt hat. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist umso größer,
da Wander zuweilen auf diese unwissenschaftliche Weise vorgegangen ist,[31] und da bisher von Sprichwörterforschern
kein weiterer Beleg des Sprichwortes registriert worden ist. Zu einem allgemein
bekannten Volkssprichwort ist dieser Lichtenberg-Aphorismus nach diesen
Ausführungen wenigstens nicht geworden, und vielleicht wäre es
doch besser, diesen Text als dreizehnten Beleg den oben genannten Aphorismen
Lichtenbergs hinzuzufügen, die wegen ihres Sprichwortcharakters und
wegen der fehlenden Volksläufigkeit vielleicht "Pseudosprichwörter"[32] genannt werden könnten.
Es besteht allerdings kein Zweifel daran, daß Lichtenberg, wie
die vielen Aphoristiker nach ihm, sich recht intensive Gedanken gemacht
hat über Sprichwörter und deren Weisheit oder "common sense",[33] wie es der Anglophil zuweilen nennt:
"bon sens, Menschen-Verstand, common sense wird zu oft für einen
vollkommenen Sinn gehalten, in der Tat ist [er] aber weiter nichts, als
eine immer wachsam anschauende Erkenntnis von der Wahrheit nützlicher
allgemeiner Sätze" (F56, S. 469). Hier ist zwar noch nicht direkt
von Sprichwörtern die Rede, doch handelt es sich bei ihnen um "nützliche
allgemeine Sätze". Zu beachten ist bei dieser Aussage allerdings,
daß Lichtenberg diesen Sätzen und ihrem common sense keinen "vollkommenen
Sinn" zuspricht. Von Nutzen sind Weisheitssätze schon, aber eben
nicht perfekt in ihrer menschlichen Begrenztheit. Diese negative oder wenigstens
ambivalente Einstellung gegenüber phraseologischen Weisheiten lassen
auch die folgenden Aphorismen erkennen: "Flick-Sentenzen" (C21,
S. 159), "Der oft unüberlegten Hochachtung gegen alte Gesetze,
alte Gebräuche und alte Religion hat man alles Übel der Welt zu
verdanken" (D369, S. 286) und "Was man feine Menschenkenntnis
nennt, ist meistens nichts als Reflexion, Zurückstrahlung eigener Schwachheiten
von anderen" (G17, S. 136). Von Interesse ist aber auch Lichtenbergs
Begriff der "Pfennigs-Wahrheiten",[34] womit er vor allem seine kürzeren Aphorismen charakterisierte: "Schmierbuch-Methode
bestens zu empfehlen. Keine Wendung, keinen Ausdruck unaufgeschrieben zu
lassen. Reichtum erwirbt man sich durch Ersparung der Pfennigs-Wahrheiten"
(F1219, S. 639). Zu diesen "kleinen" Wahrheiten sind auch Sprichwörter
zu rechnen, aber ihre Aufnahme in die Sudelbücher ist nicht
gleichzusetzen mit einer pauschalen Akzpetierung, da sie auch stereotypsiche
und andere veraltete Regeln tradieren: "Die kleinen Pfennings-Vorurteile,
(Tugenden) (Wahrheiten)" (B116, S. 77).
Diese ambivalente Einstellung zeigt sich ganz deutlich in den fünf
Aphorismen, wo sich Lichtenberg ganz direkt über den Wert von Sprichwörtern
ausläßt. Da heißt es einmal zustimmend "Wenn man viel
selbst denkt, so findet man viele Weisheit in die Sprache eingetragen. Es
ist wohl nicht wahrscheinlich, daß man alles selbst hineinträgt,
sondern es liegt würklich viel Weisheit darin, so wie in den Sprüchwörtern"
(J443, S. 718). Dagegen wendet sich jedoch die sehr negative Aussage "Mit
den einfältigen Sprüchwörtern unserer Vorfahren, was helfen
mich [sic] die Nester ausgeflogner Wahrheiten? (Da kommen die Kerle und
weisen mir die Nester)" (F487, S. 526).[35] Hier scheint die Wahrheit allzu evidenter Sprichwörterweisheit überholt
zu sein, oder die Sprichwörter haben ihren Sinn bereits völlig
verloren. Auf jeden Fall hat Lichtenberg auch erkannt, daß Sprichwörter
keine Universalwahrheiten sind, denn bekanntlich gibt es für die meisten
Sprichwörter auch Gegensprichwörter, die die entgegengesetzte
Wahrheit ausdrücken, wie etwa "Ehestand, Ehrenstand" vs.
"Ehestand, Wehestand" oder "Recht geht vor Gewalt" und
"Gewalt geht vor Recht". Es kommt bei Sprichwörtern immer
darauf an, in welchem Sinnzusammenhang sie zitiert werden. Erst im sprachlichen
Kontext erweist sich, ob ein Sprichwort in diesem Falle stimmt oder nicht.
Sprichwörter sind also bestenfalls Teilwahrheiten,[36] auf die ein geistreicher Denker wie Lichtenberg positiv und negativ reagieren
kann oder muß. Zwei Aphorismen deuten auf diese Dialektik der Sprichwörterweisheit
hin, wobei gleichzeitig satirisch auf unterschiedliche Rezensionen und physiognomische
Deutungsprobleme hingewiesen wird: "Daher kommts daß in allen
ihren Rezensionen etwas Wahres ist, und [sie] doch immer gegen einander
laufen wie ein paar Sprichwörter" (D456, S. 300) und "Die
Sprüchwörter-Weisheit hat viel Ähnliches mit der physiognomischen,
da lauft immer die Beobachtung des einen gegen die Beobachtung des andern"
(F852, S. 581).[37] Metaphorischer ausgedrückt,
und nun ganz spezifisch nur mit Bezug auf die in Sprichwörtern enthaltenen
Lebensregeln, hat Lichtenberg dieses Problem mit dem treffenden Aphorismus
"In den Regeln-Krieg, Sprüchwörter-Krieg" (E352, S.
422). Diese Erkenntnis schien Lichtenberg offensichtlich bedeutungsvoll
genug, daß er den Text in der verkürzten Form von "Regeln-Krieg,
Sprüchwörter-Krieg" (Materialheft I,Nr. 155, S. 582) wiederholte.
Dieses Mißtrauen gegenüber der Sprichwörterweisheit verbindet
Lichtenberg mit fast allen Aphoristikern, die wie er die Einseitigkeit und
den Verabsolutierungsanspruch der altüberlieferten Sprichwörter
kritisch unter die Lupe nehmen und satirisch in Frage stellen.
Solche genaue Prüfung von Sprichwörtern beginnt bereits mit
etymologischen Fragen betreffs des seit dem frühen 17. Jahrhundert
überlieferten Sprichwortes "Im Dunkeln ist gut munkeln".
Zu Recht fragt sich der Sprachforscher Lichtenberg, was es mit dem Verb
"munkeln" auf sich haben könnte und versucht folgende Etymologie:
"Munken oder munkeln heißt eigentlich gerade oder ungerade spielen, daher das Sprich-Wort: im Dunkeln ist gut munkeln. Micare bei den Römern, daher sie auch von einem redlichen Manne sagten dignus
quocum in tenebris micetur" (L656, S. 941). Das lateinische Verb bezieht
sich in der Tat auf ein antikes Fingerspiel, wo der Gegner die plötzlich
vorgezeigte gerade oder ungerade Fingerzahl erraten mußte. Nun kann
man zwar dieses (un)gerade Spiel auf das im deutschen Sprichwort gemeinte
"insgeheime Sprechen" beziehen, doch ist diese Erklärung
zu forciert. Auch weist Rudolf Jung darauf hin, daß Lichtenberg "das Idioticon Osnabrugense bei seiner Vermutung nicht zu Rate gezogen
zu haben [scheint], denn dort wird `munkeln' mit `insgeheim sprechen' und
das Sprichwort mit `Im Finstern kann man machen, was man will' wiedergegeben".[38] Man sieht an diesem Beispiel wieder
einmal, mit welchem sprachgeschichtlichen und semantischen Interesse sich
Lichtenberg mit der sprichwörtlichen Volkssprache auseinandersetzte.
Ähnlich ging er auch als Naturwissenschaftler vor, wenn es sich
darum handelt, den Wert eines Wettersprichworts zu ergründen. Im folgenden
etwas längeren Aphorismus wird das Sprichwort zwar nicht präzise
genannt, aber solche bekannten Wettersprichwörter bzw. -prognosen wie
"Woher das erste Gewitter kommt, da kommen die anderen nach" und
"Wenn es blitzt von Westen her, deutet's auf Gewitter schwer; kommt
von Norden her der Blitz, deutet es auf große Hitz"[39] dürften den Hintergrund für Lichtenbergs Überlegungen bilden:
In wie weit ist die Erfahrung gegründet, die in mehreren Gegenden
Deutschlands fast sprüchwörtlich angeführt wird, daß
die Gewitter, die aus Osten kommen, gewöhnlich schwerer sind, als
andere? In Göttingen habe ich nie eines erlebt, das gerade aus Osten
gekommen wäre, aber einige aus Südosten, und die waren alle sehr
schwer. In Darmstadt erinnere ich mich zweier die ebenfalls schwer waren,
diese kamen gerade aus Osten. Bestätigt sich dieses ferner, was mag
die Ursache sein? (K404, S. 475)
Hier spürt man Lichtenbergs meteorologisches Interesse, der auch
die Schriften Benjamin Franklins zum Blitzableiter kannte. Als Naturwissenschaftler
akzeptiert er die auf Erfahrung basierende Wetterweisheit des Sprichwortes,
doch fragt er als Empiriker selbstverständlich, was die physikalische
Ursache für die schweren aus dem Osten aufziehenden Gewitter sein könnte.
Ein gewisser Zweifel an der Allgemeingültigkeit solcher Wetterprognosen
scheint sich wenigstens anzudeuten.
Und doch lassen sich auch mehr oder weniger autobiographische Texte finden,
wo Sprichwörter als absolut zutreffend angewendet werden, da sie dem
gegebenen Rationalisierungsprozeß bestens unterstützen und den
zuweilen unter Hypochondrie sowie Paranoia leidenden Lichtenberg über
seine "schachen" Stunden bringen:
Lieber Conrad, sagte ich zu mir selbst, hättest du das wohl gedacht,
indem ich eine Zähre abtrocknete, die von Selbstmitleid ausgepreßt
über eignes Elend sich zu ergießen meine Wange herabrollte.
Undank ist der Welt Lohn, hierbei merkte ich, daß die Wunde schon
jückte. (C258, S. 208)
Ich verlange keine Schonung, werde auch jedem, der mich mit Unrecht
angreift, ohne Schonung begegnen, er sei wer er wolle. Freiheit zu denken
und für die Wahrheit zu schreiben und ungestraft, das ist ein Vorzug
des Orts den Georg beherrscht und auf dem Münchhausens Segen ruht.
Ein Tor ist ein Tor, darf man hier laut sagen, er liege an Ketten oder
werde angebetet. (F716, S. 559)
Werden hier die Sprichwörter "Undank ist der Welt Lohn"
und "Ein Tor ist ein Tor" unverändert auf die eigene Person
bezogen, so akzeptiert Lichtenberg in einem dritten autobiographischen Aohorismus
das bekannte Sprichwort "Schaden macht klug" in seiner negativen
Umkehrung: "Benvenuto Cellini macht die vortreffliche Bemerkung:
Schaden mache nicht klug, weil der neue sich immer unter einer verschiedenen
Form ankündige. Dieses kenne ich recht aus eigner Erfahrung" (L103,
S. 866).[40] In einem weiteren Text heißt
es dann allerdings mit Bezug auf das sehr ähnliche Sprichwort "Durch
Schaden wird man klug" verallgemeinernd: "Jedermann ist sehr bereitwillig,
durch Schaden klug zu werden, wenn nur der erste Schade der dieses lehrt
wieder ersetzt wäre" (J676, S. 751). Positive und negative Sprichwörterauslegung
stehen sich gegenüber, und man sieht, wie auch ein scharfer Denker
wie Lichtenberg sich im Netz der Sprichwörterweisheit verfängt,
da diesen Erfahrungssätzen und Lebensregeln kein philosophisch-logisches
System zugrundeliegt.
Interesant ist diesbezüglich auch, daß Lichtenberg fünfmal
ganz einfach nur einen Sprichworttext ohne Kommentar zitiert, wohl weil
ihm die darin ausgedrückte Weisheit zu eben diesem Zeitpunkt der Niederschrift
besonders einleuchtete. Die Texte beziehen sich dabei selbstverständlich
auf einen mitgedachten Kontext, der aber hier nicht wiedergegeben wird.
Das zeigt vor allem auch der erste Beleg dieser fünf Sprichwörter,
der mit der Erklärung "Das älteste Sprüchwort ist wohl"
beginnt. Tatsächlich geht das Sprichwort bis in die klassische Antike
zurück, und wahrscheinlich bezieht Lichtenberg seine Weisheit auf besonders
oft beobachtete Übertreibungen verschiedenster Art:
Das älteste Sprüchwort ist wohl: allzu viel ist ungesund.
(B248, S. 109)
Die Mutter sagts, der Vater glaubts und ein Narr leugnets. (C123, S.
178)[41]
In den Worten Vox populi vox Dei steckt mehr Weisheit, als man
heut zu Tage in vier Worte zu stecken pflegt. (D10, S. 229)[42]
Ein Louisd'or in der Tasche ist besser als 10 auf dem Bücherschrank.
(D509, S. 307)[43]
"Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen"
(J499, S. 727)
Interessanter sind freilich die sechs folgenden Texte, worin Lichtenberg
gängige Sprichwörter als bare Münze akzeptiert, weil sie
so "gut" auf seine Mitmenschen passen, die dieser Gelehrte mit
offensichtlicher Herablassung wenn nicht gar Verachtung betrachtet.
[...] Der Mensch als ein Tier betrachtet, dessen Triebe und Handlungen
alle gegen einen Punkt gravitieren, der im abstraktesten Verstand perfice
te heißt, aber angewandt bald durch die Sätze ausgedrückt
wird: Tue dir etwas zugute, Was heute nicht kommt, kommt morgen, suche
deine Bequemlichkeit usw. dieser Mensch verfällt in [der] Wissenschaft
leicht auf das Tändelnde, Spielende, Süße, hauptsächlich
in der Dichtkunst und rechnet sich diese Neigung die sonst Trägheit
heißen würde für feines Gefühl des Naiven, des Zärtlichen
und der namenlosen Grazie an. Haß gegen alle Wissenschaften die ernsthafter
sind als Mädgen oder schwerer als die Frauenzimmer-Predigten sind
ihm Greuel. O ihr verwöhnte Kinder [...]. (B185, S. 96-97)
[...] Wer den Ausdruck der Muskeln an dem Farnesischen Herkules bewundert,
dem muß der Physiolog nicht verächtlich zurufen, im Albinus
und Cowper steht das alles weit gnauer [sic]. Jedes nach seiner Art ist eine Regel die den Kritiker überall leiten soll. (F460, S. 523)
Die buntesten Vögel singen am schlechtesten, gilt auch von Menschen,
und wo Prachtstil [ist] wie bei Zimmermann, da muß [man] nie tiefe
Gedanken suchen. (F1225, S. 640)[44]
Irren ist auch in so fern menschlich, als die Tiere wenig oder
gar nicht irren, wenigstens nur die klügsten unter ihnen. (G85, S.
149)
Die gemeinen Leute unter den Katholiken beten lieber einen Heiligen
an, oder richten ihr Gebet an ihn, als an den lieben Gott, so wie sich
die Bauern immer lieber an die Bedienten halten. Gleich und gleich gesellt
sich gern. (J260, S. 691)
Mag Lichtenberg in diesen Texten auch dem zitierten Sprichwort im Prinzip
zuzusprechen, so genügt ihm eigentlich in anderen Aphorismen das angegebene
Sprichwort nicht, oder er bringt es nur, um es dann durch zusätzliche
Gedanken zu erweitern. Oft handelt es sich dabei um eine Infragestellung
der begrenzten Sprichwortweisheit, die auch gleichzeitig die Elemente der
"Überraschung" und der "paradoxen Antithese" im
Stil sowie das "Ausnahmedenken" bzw. das "Möglichkeitsdenken"
Lichtenbergs zu erkennen geben.[45] Die
Sprichwörter (wo nötig nach dem Aphorismus in Klammern zitiert)
werden mehr oder weniger wortgetreu zitiert, doch erhalten sie durch diese
ausgeklügelten Erweiterungen zum Teil neue Bedeutungen oder wenigstens
erhebliche semantische Modifikationen:
Die großen Herrn mit ihren langen Armen, und ihre Kammerdiener
mit ihren kurzen. Die großen Herrn mit ihren langen Armen haben ihm
nicht so viel geschadet, als die Kammerdiener mit ihren kleinen. (E349,
S. 422)
(Große Herren haben lange Arme.)
Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel
heraus gucken. (F112, S. 477)
(Wenn ein Affe in den Spiegel sieht, kann kein Apostel herauskommen.)
Eine jede Sache hat ihre Werktags- und Sonntagsseite. (F677, S. 553)
(Jede Sache hat zwei Seiten.)
Es sind im glücklichen Arabien nur wenige Ströme die ins Meer
fließen. (F699, S. 556)
(Alle Flüsse laufen [fließen] ins Meer.)
Auch Gelegenheit macht nicht Diebe allein, sie macht auch beliebte Leute,
Menschenfreunde, Helden, von dem Einfall, den ein Witziger hat, gehört
mehr als die Hälfte dem Dummkopf zu, den er traf. (F728, S. 560)
(Gelegenheit macht Diebe.)
Wir sind so eingerichtet, daß wir wohl selten gültige Richter
dessen sein werden, was uns nützlich ist. In diesem Leben ist dieses
der Fall, wer will uns gut dafür sein, daß es in Rücksicht
auf künftiges Leben nicht eben so ist? Wen Gott lieb hat, den züchtigt
er. Wie wenn es nun hieße, wen Gott lieb hat, den vernichtet er?
(J725, S. 756)
Die Kinder und die Narren reden die Wahrheit, sagt man; ich wünsche,
daß jeder gute Kopf, der Neigung zur Satyre bei sich verspürt,
bedenken möchte, daß der beste Satyriker immer etwas von beiden
enthält. (J746, S. 759)
A. Von der Luft kann man nicht leben.
B. ja, aber ohne Luft auch nicht, es ist gut wenn es [sic] einem einmal
ein bißchen knapp wird. (J845, S. 770)
Wenn der Schlaf ein Stiefbruder des Todes ist, so ist der Tod ein Stiefbruder
des Teufels. (J1093, S. 806)
(Der Schlaf ist ein Bruder des Todes.)
Wenn die Not die Mutter des Fleißes oder der Erfindung ist, so
ist es eine Frage, wer der Vater ist, oder die Großmutter oder die
Mutter der Not ist. (L500, S. 921)
(Not ist der Erfindung Mutter)
Diese letzte logische tour de force muß Lichtenberg beschäftigt
haben, denn 24 Aphorismen später kommt er noch einmal auf dieses Sprichwort
zurück,[46] wobei ihm eine großartige
Formulierung betreffs der Bweisführung durch Sprichwörter gelingt:
"Wenn die Not die Mutter der Erfindung ist so wäre wohl
der Krieg der die Not erzeugt der Großvater der Erfindung. Ein Beweis
durch Sprüchwörter könnte man presque geometrique nennen"
(L524, S. 924). Tatsächlich lassen sich gewöhnlich viele Sprichwörter
für eine Situation oder Idee finden, so daß man von einer geometrischen
Progression sprechen könnte. Solche Kettenbeweisführungen durch
Sprichwörter finden heute z.B. noch in afrikanischen Gerichtsverhandlungen
statt, wo Kläger und Verteidiger sich ad infinitum mit Sprichwörtern
bekämpfen.[47]
Bei diesen Sprichworterweiterungen geht es nicht immer nur ernst oder
satirisch zu. Schon in einigen dieser Texte war etwas Ironie zu spüren,
und das zeigt auch die folgende witzige und humorvolle Bearbeitung des bekannten
aber apokryphen Lutherspruches:
Luther sagt bekanntlich:
Wer nicht liebt Wein, und Weiber und Gesang,
Der bleibt ein Narr sein Leben lang.
Doch muß man hierbei nicht vergessen hinzu[zu]setzen:
Doch ist, daß er ein Freund von Weibern, Sang und Krug ist,
Noch kein Beweis, daß er deswegen klug ist. (L556, S. 927)
Das so beliebte deutsche Sprichwort "Wer nicht liebt Wein, Weib
und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang" erschien in seiner
Verschriftlichung zum ersten Mal erst in einem anonymen Spruch (möglicherweise
von dem jungen Johann Heinrich Voß) am 12. Mai 1775 in dem von Matthias
Claudius herausgegebenen Wandsbecker Bothen. Und rund 23 Jahre später
bringt Lichtenberg um 1798 bereits diese erste Parodie des bis zum heutigen
Tage immer wieder abgewandelten Sprichwortes, das er wohl aus dem Bothen oder bereits aus dem Volksmund kannte. Wenigstens beginnt mit Lichtenberg
eine regelrechte parodistische Präokkupation mit diesem Spruch, die
sich von zahlreichen Gedichten über Aphorismen, Graffiti, Werbeslogans
und Schlagzeilen bis hin zu T-shirt Sprüchen verfolgen läßt.[48] An diesem kurzen "Sprichwortgedicht"
mit seiner Erweiterung eines epikureischen Sprichworts zeigt sich der Humorist
Lichtenberg, über dessen Sinn für Humor (auch den erotisch-obszönen)
noch manches zu erforschen wäre.
Von Interesse ist diesbezüglich auch, daß Lichtenberg offensichtlich
die Gattung der sogenannten Sagwörter oder Wellerismen kannte. Ein
Sagwort besteht gewöhnlich aus drei Teilen, und zwar aus (1) einem
sprichwortartigen Ausspruch, (2) dem Mittelteil, in dem der Sprecher dieser
Aussage genannt wird, und (3) dem Schlußteil, der die Situation des
ersten Teils umschreibt. Bekannte volkstümliche Beispiele sind "`Aller
Anfang ist schwer', sagte der Dieb, da stahl er einen Amboß"
und "`Der Klügere gibt nach', sagte der Ochse, da zog er den Wagen
an".[49] Solche Sagwörter beweisen,
daß das Volk Sprichwörter keineswegs für sakrosankt hält,
und daß es eine volkstümliche Tradition der Sprichwortparodie
gibt, die sich durch gesunden Humor bis hin zum Galgenhumor oder schwarzen
Humor auszeichnet. Lichtenberg hat solche Sagwörter, die besonders
im norddeutschen Gebiet verbreitet sind, offensichtlich aufgegriffen, denn
er zitiert eines der bekanntesten Sagwörter in zwei Varianten ohne
Kommentar: "Wie gehts, sagte ein Blinder zu einem Lahmen. Wie Sie sehen,
antwortete der Lahme" ((E385, S. 429) und "Wie geht es, fragte
ein Blinder einen Lahmen; Wie Sie sehen, war die Antwort" (L29, S.
855).[50] Offenbar müssen Lichtenberg
das paradoxe Sprachbild sowie der groteske Humor der Volksüberlieferung
angesprochen haben. Er hat aber auch selbst ein Sagwort zusammengezimmert,
dessen erster Teil aus einer verblüffenden Umkehrung des Sprichwortes
"Viele Hunde sind des Hasen Tod" besteht: "Viel Hasen sind
der Hunde Tod, sagt der Oberförster, dem man seinen Hund aus Versehen
tod geschossen hatte weil der Schützen zu viele waren" (J1122,
S. 810). Noch zweimal hat sich Lichtenberg an dieser Untergattung des Sprichwortes
versucht, doch fehlt diesen Texten der volkssprachliche Humor: "Bayern,
sagte der König, ist ein Paradies von Tieren (Bestien hätte er
sagen sollen) bewohnt" (J65, S. 662) und "Ach was wollten wir anfangen, sagte das Mädchen, wenn der liebe Gott nicht wäre"
(L254, S. 888). Hier werden keine Sprichwörter oder Redensarten mehr
parodiert, sondern es handelt sich um satirische Gesellschaftskritik, einmal
über politische Zustände in Bayern und zum anderen über die
sexuellen Moralzustände der Zeit.[51]
Satirisch geht es auch in Lichtenbergs minimaler Ergänzung der zum
Sprichwort gewordenen Mönchsregel des Mittelalters "Ora et labora'
zu "Ora & non labora" (J919, S. 781) zu. Fragt man
sich hier noch, auf wen oder was sich diese Arbeitsscheu wohl beziehen mag,
so bietet ein triadisch aufgebauter Aphorismus zu diesem Sprichwort einige
Jahre später eine deutliche Aufschlüsselung:
Man könnte die menschliche Gesellschaft in drei Klassen teilen,
in die:
1. neque ora neque labora,
2. ora et non labora, und
3. ora et labora. (K256, S. 442-443)
In einer seiner Hogarth-Erklärungen hat Lichtenberg diese Dreigliederung
seiner Mitmenschen erneut aufgegriffen. Hier spricht er von den "drei
Ständen", nämlich "dem Ora et labora-Stande [...,] dem
Ora et non labora und dem Neque ora neque labora".[52] Dieses "kleine" Sprachspiel mit einem lateinischen Sprichwort
entpuppt sich somit als gar nicht so harmlose Satire auf die Gesellschaft
schlechthin.
Als letztes Beispiel solcher Sprichworterweiterungen sei nun noch auf
zwei Aphorismen hingewiesen, die sich um das beliebte Sprichwort "Kleider
machen Leute" drehen. Einmal notiert sich Lichtenberg "Ich weiß
zwar Worte machen Bücher, so wie Kleider Leute, aber dieses hindert
nicht daß nicht ein guter Wuchs im Fries-Rock gefallen sollte"
(C209, S. 199), und dann heißt es spät in seinem Leben 1798 noch
einmal recht ähnlich aber in der Negation des Sprichwortes bedeutend
deutlicher "Man sage was man wolle, wenn Kleider auch nicht Leute machen,
so machen sie doch Sitten. Bände machen die Bücher nicht, aber
man findet sich behaglich" (Miszellen-Heft, Nr. 3, S. 543). Auf der
einen Seite wird das Sprichwort in Frage gestellt, und auf der anderen Seite
wird gleichzeitig behauptet, daß lange oder gar mehrbändige Schriften
nicht unbedingt geistige oder schriftstellerische Qualität bedeuten.
Von Vielschreibern hält der Kurzprosaautor Lichtenberg offensichtlich
nicht viel, was er in einem weiteren sprichwörtlichen Aphorismus mit
der lateinischen Version des deutschen Sprichwortes "Aus nichts wird
nichts" noch deutlicher und satirischer ausdrückt: "Es ist
keine Kunst etwas kurz zu sagen, wenn man etwas zu sagen hat, wie Tacitus,
allein wenn man nichts zu sagen hat und schreibt dennoch ein Buch und macht
die Wahrheit mit ihrem ex nihilo nihil fit zur Lügnerin, das heiß
ich Verdienst" (E222, S. 395). Zweifelsohne hätte Lichtenberg
hier auch das Sprichwort "In der Kürze liegt die Würze"
verwenden können, daß auf viele seiner Kurztexte genau paßt
- interessanterweise hat er das jedoch nirgends in den Sudelbüchern getan.
Hier und da hat sich in diesen sprichwörtlichen Aphorismen bereits
die Vorliebe Lichtenbergs für das Wort- und Sprachspiel gezeigt, was
ihn wiederum mit den modern Aphoristikern verbindet. So stammt z.B. von
dem Kölner Aphoristiker und Mediziner Gerhard Uhlenbruck die charakteristische
Feststellung "Ein Aphoristiker dreht oft das Sprichwort im Munde herum",[53] und genau solche Sprichwortverdrehungen
erlauben es Lichtenberg, effektive Gesellschaftssatire als aufklärerischer
Moralist zu betreiben. Indem er die sprichwörtliche Fertigware entstellt
(vgl. diesbezüglich auch die hier so passendende aphoristische Frage
"Wie kann dieses 1000mal Gesagte wieder neu gesagt werden?" [Miszellen-Heft,
Nr. 43, S. 546]), soll auch über altbewährte Sprichwörter
und Redensarten, diese "Kleider vom Trödelmarkt" (J555, S.
735), kritisch nachgedacht werden:
Der herrschende Charakter in seinem Gesicht war: lieber gebrochen
als gebogen, dieses zeigte sich auf mancherlei Art, die breite Stirn,
welcher man ohne sie zu berühren die Härte ansah, etwas überhängende
Augenbraunen [sic], welche die zärteren Ausdrücke in jener Gegend
nicht durchließen, und überhaupt alle kleinen Veränderungen
verdeckten [...]. (B158, S. 88-89)
(Lieber biegen als brechen.)
Non vitae sed scholae discimus ein herrlicher Spruch des Seneca,
der auf unsere Zeiten paßt. (F671, S. 552)
(Non scholae, sed vitae discimus.)
Ein Partridge oder schlechter Minister: Hoffen und Harren macht manchen
zum Pfarren. (F1096, S. 616)
(Hoffen und Harren macht manchen zum Narren.)
Wovon das Herz nicht voll ist, davon geht der Mund über,
habe ich öfters wahr gefunden, als den entgegengesetzten Satz. (G51,
S. 143)
(Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.)[54]
Die Steckenpferde sind schlechte Kutschpferde. Steckenpferde dienen
nicht zum Pflügen. (J309, S. 700)
(Steckenpferde sind theurer als Reitpferde.)
Neue Bäder heilen gut. (J751, S. 760)
(Neue Besen kehren gut.)
Oft genügen nur die Hinzufügung oder der Austausch eines Wortes,
die Verdrehung zweier Satzteile oder die Negierung eines bekannten Sprichwortes,
um dieses in ein völlig anderes Licht zu stellen. Solche bewußten
und satirischen Sprachspiele könnte man vielleicht als moralische Aufklärungsarbeit
amsehen, in etwa wie es Lichtenberg selbst in einem aufschlußreichen
Aphorismus ausgedrückt hat: "Man spricht viel von Aufklärung,
und wünscht mehr Licht. Mein Gott was hilft aber alles Licht, wenn
die Leute entweder keine Augen haben, oder die, die sie haben, vorsätzlich
verschließen?" (L472, S. 918). Hier sollen Zeitgenossen aufgeweckt
werden, indem allzu leicht akzeptierte Sprichwörter verfremdet werden.
Was Reinhard Trachsler ganz allgemein für Lichtenbergs Aphorismen festgestellt
hat, das gilt speziell auch für diese Infragestellung tradierter Sprichwortweisheit:
"Es ist ein faszinierendes Spiel mit Möglichkeiten, ein Experimentieren
mit Zusammenhängen, ein Aufhellen gerade noch sichtbarer Strukturen,
kurz - ein geistiges Vergnügen ohnegleichen".[55]
Bei den nun folgenden Beispielen von sprichwörtlichen Aphorismen
handelt es sich tatsächlich nur um "gerade noch sichtbare Strukturen",
denn hier hat Lichtenberg als Schriftsteller das vorgeprägte Sprichwort
und dessen Struktur durchbrochen und spielt nur noch versteckt auf die formelhafte
Volksweisheit an. Mit Recht hat Gertrud Fischer davon gesprochen, daß
auf der Lichtenbergischen "Probebühne des Geistes Gedankenspiele
von zum Teil seltsam-verrückter Art inszeniert [werden],[56] und das macht sich auch bei den auf Sprichwortanspielungen aufgebauten Aphorismen
bemerkbar. So dürfte das Bibelsprichwort "Der Geist ist willig,
aber das Fleisch ist schwach" (Matth. 26,41) bei den beiden folgenden
Aphorismen Pate gestanden haben: "Der Pöbel ruiniert sich durch
das Fleisch das wider den Geist, und der Gelehrte durch den Geist dem zu
sehr wider den Leib gelüstet" (B21, S. 53), und "Die Mädchen
hören euch vielleicht gerne zu, wenn ihr auf euren Lauten eure Phantasien
vorklimpert, wenn es ihnen aber zu tun ist zwischen Geist und Fleisch Friede
zu stiften, so werdet ihr nie zum Kongreß gelassen" (C51, S.
163). Von Interesse ist aber auch ein weiterer Eintrag in die Sudelbücher,
der den präzisen Beleg eines Sprichwortes in der Bibel mit einem kurzen
Kommentar enthält, ohne das Sprichwort selbst zu nennen: "Nachzusehen
Sprüchwörter Salomonis VI.v.6-8. Es ist eine demokratische Stelle"
(J1032, S. 798). Schaut man dann in der Bibel nach, so enthält der
sechste Vers des sechsten Kapitels Sprüche die Sprichwörterweisheit
"Gehe hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne!"
Erst die Verse 7-8 enthalten die demokratische Aussage, worauf Lichtenberg
hinweist: "Ob sie [die Ameise] wohl keinen Fürsten noch Hauptmann
noch Herrn hat, bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise
in der Ernte". Diese Art von Anspielung auf ein Sprichwort hat natürlich
nur Sinn, wenn man damit rechnen kann, daß Leser mehr oder weniger
bibelfest sind.
Es wird Lesern aber auch die folgende Anspielung auf ein lateinisches
Sprichwort entgehen, wenn sie nicht "klassikerfest" sind: "Das
umgekehrte parturiunt montes gefällt den Menschen sehr und der Schriftsteller
muß es zu beobachten suchen" (F186, S. 488). Das klassische Sprichwort
lautet "Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus", das in deutscher
Lehnübersetzung als "Die Berge kreißen, um ein Mäuslein
zu gebären" geläufig geworden ist.[57] Es sind laut Lichtenberg also die kreißenden "Mäuslein"
oder eben "die größten Kleinigkeiten" (K308, S. 454),
wofür die Menschen sich interessieren, und solche Alltagsprobleme sollten
auch von den Schriftstellern beachtet werden. Mit der Schriftstellerei hat
auch der folgende kurze Aphorismus zu tun: "Die Frauen sind in Persien
von der Poesie ausgeschlossen. Sie sagen, wenn die Henne krähen will,
so muß man ihr die Kehle abschneiden" (F379, S. 513). Dabei überrascht
nur, daß er von persischen und nicht deutschen Frauen spricht, die
ja auch nicht gerade als Schriftstellerinnen gefragt waren. Auch ist das
verkürzte Sprichwort gar nicht unbedingt persisch, denn es kursiert
bis heute in deutscher Sprache in Varianten wie "Wenn die Henne kräht,
ist sie des Schlachtens wert" oder "Mädchen die pfeifen und
Hühnern die Krähen, den soll man beiden die Hälse verdrehen
(den Hals umdrehen)".[58] Lichtenberg
zitiert hier eines der frauenfeindlichsten Sprichwörter überhaupt
und kann eine gewisse Misogynie wohl kaum dahinter verstecken, daß
er das Sprichwort auf Persien bezieht, wo er doch um die deutschen Zustände
der Dichterinnen nur zu gut Bescheid wissen sollte. Bezüglich dieses
Textes wird man wohl kaum mit Paul Requadt übereinstimmen können,
für den Lichtenberg ein "empfindsamer Moralist des Alltags"[59] ist. Doch sei am Rande bemerkt, daß
der immer widersprüchliche Lichtenberg sich in anderen Aphorismen wie
ein moderner emanzipierter Mann liest: so wird aus dem "Vater unser"
kurzerhand ein dreimal wiederholtes "Mutter unser die du bist im Himmel"
(J12, S. 652; vgl. auch J51, S. 660 und L220, S. 884).
Zwei weitere sprichwörtliche Aphorismen lassen eine Anspielung auf
das Sprichwort "Der Hoffart sitzt der Bettel auf der Schleppe"
vermuten, wobei es sich um zwei Versuche über dieselbe Idee handelt,
die nur durch einen Text unterbrochen sind: "Stolz, halb zurückgebogen
wie die Eitelkeit, wenn sie sieht ob ihr die Schleppe nachkommt" (D545,
S. 313) und "Stolz, mit hoher Brust und halb umgedrehtem Haupt, schritte
[sic] sie daher, wie die Eitelkeit, wenn sie sieht ob ihr die Schleppe nachkommt"
(D547, S. 313).[60] Und schließlich
sei auch noch der kurze Aphorismus "Er verstund alle die Ausdrücke
der Deklination und Inklination des Hutes" (B294, S. 123) erwähnt,
der eine humorvolle oder besser ironische Anspielung auf das Sprichwort
"Mit dem Hute in der Hand kommt man durchs ganze Land" enthält.
Wunderbar wie hier das Senken und Heben des Hutes durch wissenschaftliche
Wörter dargestellt wird, die die Unterwürfigkeit des Hutschwenkers
bestens versinnbildlichen. All dies erinnert ungemein an die letzten Zeilen
des modernen Gedichts Lob den Tag vor dem Abend! (1976), worin Josef
Reding eine ganze Reihe von beliebten Sprichwörtern in Frage stellt:
Mit dem Hute in der Hand
hast du nichts auf dem
Kopf. Mit dem
Sprichwort im Kopf
kommst du
nicht weit![61]
Doch Lichtenberg ist bekanntlich recht weit herumgekommen, und seine
Reisen nach England sowie sein großes Interesse an der englischen
Sprache haben sich in zahlreichen Aphorismen niedergeschlagen. Bei einigen
davon handelt es sich um phraseologische Beobachtungen, die deutlich machen,
daß Lichtenberg komparatistische Studien zu Sprichwörtern und
Redensarten anstellte. Das überzeugendste redensartliche Beispiel dafür
ist der folgende kurz Paragraph:
Der Teufel ist wohl heutzutage, in unseren aufgeklärten Zeiten,
ein recht armer Teufel. Woher mag überhaupt die Redensart: armer Teufel kommen? Sie findet sich auch in anderen Sprachen: poor
devil, pauvre diable. (H60, S. 186)[62]
Hier wird deutlich, wie Lichtenberg selbst einer Frage nach der Herkunft
einer Redensart eine gewisse Ironie abgewinnen kann, indem er sie auf sein
angeblich aufgeklärtes Zeitalter bezieht. Doch drei weitere Kurztexte
zu englischen Redensarten sind dagegen eher im lexikographischen Stil verfaßt,
gewisse Vorarbeiten vielleicht zu einem zweisprachigen phraseologischen
Wörterbuch:
Wise ist ein Schimpfwort im Englischen, he is a wise one heißt so viel als er ist ein einfältiger Pinsel. (E183, S. 386)
To send a man to Coventry sagen die Engländer von einem
Menschen mit welchem sich eine Gesellschaft zur Strafe nicht zu sprechen
vereint hat. (F39, S. 466)
Wo wir sagen: Er hat das Pulver nicht erfunden, sagen
die Engländer the longitude. (L307, S. 897)
Auch auf zwei englische Sprichwörter hat Lichtenberg auf ähnliche
Weise hingewiesen, doch muß es eigentlich überraschen, daß
er nicht mehr davon in seinen Sudelbüchern registriert hat.
Es wäre allerdings denkbar, daß es in seinen Reisetagebüchern,
Briefen und Hogarth-Schriften reichliches Sprichwortmaterial gibt. Hier
liegt noch ein weites Feld offen für Lichtenberg- und Sprichwortforscher.
Als Beispiel sei hier wenigstens folgender Text aus den Reise-Anmerkungen des Jahres 1775 zitiert: "Die Engländer haben das Sprüchwort
drought (wird fast wie draugth ausgesprochen) never brings death" (Text
Nr. 25, S. 651). Freilich ist dem Sprachforscher (oder den verschiedenen
Herausgebern) hier ein winziger und doch erheblicher Fehler unterlaufen.
Es fehlt in dem Wort "death" nämlich ein "r", denn
das Sprichwort heißt richtig "Drought never brought (brings,
bred) dearth (of corn, grain) in England",[63] d.h. es handelt sich hier um ein seit 1533 belegtes Wetter- und Landwirtschaftssprichwort,
das mit einem gewissen Nationalstolz behauptet, daß eine Trockenheitsperiode
in England nie zum (Getreide)Mangel führen wird.
Ein Problem bereitet allerdings auch die leider nur deutsche Übersetzung
eines englischen Sprichworts in den Sudelbüchern: "Es gibt
ein Sprüchwort im Englischen, das heißt: er ist zu dumm um ein
Narr zu werden. Es steckt sehr viel feine Bemerkung hierin" (KA231,
S. 77). Bisher konnte das englische Sprichwort in keiner der vielen Sammlungen
aufgefunden werden. Wichtig aber ist, daß Lichtenberg hier erneut
der Sprichwortweisheit zustimmt, und das ist auch der Fall in diesem letzten
Beispiel, wo der Anglophil Lichtenberg eine Anekdote zum Teil auf Englisch
wiedergibt, die sich um das sehr bekannte Sprichwort "Charity begins
at home" (d.h., Das Hemd ist mir näher als der Rock) dreht:
Vom Herzog von Bedford sagt Junius. T.I.196. His charity has improved
upon the proverb (charity begins at home) and ended where it began. Sir
William Draper wollte nämlich gegen Junius den Herzog von einem Vorwurf
des Geizes retten und sagte der Herzog habe seinem Sohn, dem Marquis von
Tavistock 8000 Pfund des Jahrs ausgesetzt, und nach dessen Tode der liebenswürdigen
Witwe noch mehr. Und hierauf antwortete Junius das oben Angeführte.
(D669, S. 342)
Was mag der Grund zur Aufnahme dieses Textes gewesen sein? Einmal sicherlich
der satirische Ton und die Bloßstellung eines Geizhammels, sicherlich
aber auch die Faszination mit dem englischen Sprichwort, dessen Metaphorik
so völlig anders ist von seinem deutschen Äquivalent. Der Weisheit
des Sprichwortes in diesem Kontext zuzustimmen, war natürlich ein Leichtes
für den Liebhaber der englischen Sprache und den Moralisten des Alltags.
Bei der Verwendung englischer Redensarten und Sprichwörter will Lichtenberg
vor allem Sprach- und Kulturvermittler sein, und so werden die Texte meistens
kaum kontextualisiert sondern nur als interessante Metaphern zitiert. Das
allerdings ist bei deutschen Ausdrücken oft eine ganz andere Sache,
denn hier handelt es sich um vorgeprägtes Sprachgut, daß unter
die scharfe Lupe genommen wird. Das Resultat der geistreichen, satirischen,
witzigen und zuweilen auch humorvollen Prüfung ist ein ambivalentes
Verhältnis zur Sprichwörterweisheit, das ganz dem widersprüchlichen
Geiste Lichtenbergs und der gegensätzlichen Sprichwörter entspricht.
Selbst in seiner Streitschrift Über Physiognomik (1778) steht
erneut der fast schon leitmotivische Satz "Die Sprüchwörter
leben in ewigem Krieg, wie alle Regeln, die nicht der Untersuchungsgeist,
sondern die Laune gibt".[64] In
dieser Dialektik und Antithetik treffen sich Georg Christoph Lichtenberg
und die Erfahrungswelt der Sprichwörter und ergeben zusammen einige
der geistreichsten sprichwörtlichen Aphorismen der deutschen Sprache.
Wolfgang Mieder
Department of German and Russian
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